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Zukunft Presse-Grosse:Damoklesschwert willkürlicher Kündigung

"Bereits die Kündigungsandrohung könnte den Grossisten gefügig machen", fürchtet Grade. Denn der könne ja nicht auf den Umsatz verzichten. "Er kann sich überlegen, ob er in Ehren sterben möchte oder lieber folgen. Das aber ginge zu Lasten vor allem der kleineren Verlage." Langfristig wäre, so Grade, damit das Grosso nicht mehr neutral. Frank Nolte, der Chef des Grosso-Verbands, spricht von einem "Damoklesschwert der willkürlichen Kündigung". Insbesondere Großverlage könnten mit ihrer Marktstellung erheblichen Druck auf jeden einzelnen ausüben.

Was für die Grossisten unangenehm und wegen der Einbußen sogar existenzbedrohend sein könnte, wird als Szenario auch kleinere Verlage beunruhigen. Einzelne warnen schon lange vor dieser Entwicklung. Allerdings steht die Branche jetzt nicht vor dem großen Crash von einem Tag auf den anderen. Nichts wird sich sofort verändern - schon allein, weil die große Mehrheit der Verlage zumindest grundsätzlich nichts ändern will.

Außer dem Bauer Verlag haben sich gerade auch alle großen Zeitschriften-Verlage zum Grosso-System und zu seinen Grundsätzen bekannt und neue Verträge bis zum Jahr 2018 abgeschlossen. Angesichts der schwierigen Wirtschaftslage verlangt man von den Grossisten mehr Effizienz, aber niemand denkt derzeit daran, Verträge ohne nähere Gründe zu kündigen. Sie alle haben sich noch einmal zu einer gemeinsamen Erklärung aus dem Jahr 2004 bekannt, die eine Kündigung von Grossisten nur bei zu begründenden nachhaltigen Leistungsmängeln oder anderen sachlich gerechtfertigten Gründen vorsieht.

Auch Bauer gibt sich moderat. Gerald Mai, Justiziar des Verlags, sieht durch das Urteil "keineswegs das System an sich in Frage gestellt". Die Bauer-Group habe auch nie das Ziel gehabt, das Grosso-System zu verlassen oder es gar zu zerstören. Er legt Wert auf die Feststellung, dass der im Gebiet von Grade eingesetzte Grossist PVN zwar zu hundert Prozent eine Bauer-Tochter sei, aber dennoch als neutraler Grossist arbeite und etwa in Hamburg von anderen Verlagen hoch geschätzt werde. Und Bauer plane jetzt auch nicht sofort die nächsten Kündigungen. "Für uns ist die Kündigung eines Grossisten nur die ultima ratio", sagt Mai. "Wir werden das Mittel nur einsetzen, wenn ein Grossist auch nach vielen Gesprächen seine Arbeit nicht besser macht."

Die Grossisten wird das kaum beruhigen, auch nicht die kleinen Verlage. Zu spüren ist die Angst vor einem schleichenden Prozess: Eine Drohung mit der Kündigung, die ihre Wirkung erreicht hat, wird ja selten öffentlich - und doch würde jede einzelne den fairen Wettbewerb langsam aushöhlen. Alexander Grade sagt, dass ihm auch andere Groß-Verlage Druck gemacht hätten, nachdem Bauer ihm kündigte. Schon deshalb habe er bereits vor dem Urteil den Verkauf seiner Firma an Grosso-Kollegen ausgehandelt.