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Zukunft des Journalismus:Mit Technologie zu neuer publizistischer Qualität

Washington Post employees move into their new buidling ; Washington Post

Das Redaktionsgebäude der Washington Post von innen: "Es ist gefährlich, sich nicht zu entwickeln."

(Foto: The Washington Post)

Der Journalismus wurde schon totgesagt, dabei ist das Internet für ihn auch eine große Chance. Fünf Anmerkungen zu Technologie und Journalismus.

Von Alexandra Borchardt

Mit Mondlandungen hat es Martin Baron, Chefredakteur der Washington Post, nicht so, mit Rollkoffern umso mehr. Der Menschheit sei es eher gelungen, jemanden zum Mond zu schicken, als Gepäck mit Rollen zu versehen, sagte er in der vergangenen Woche bei einem Vortrag in Wien. Dabei sei das mit den Rollen viel wichtiger. "Das war zwar nicht so aufregend, aber es hat das Leben besser gemacht."

Seine Botschaft auf dem Global Editors Network (GEN) Summit: Es geht nicht darum, den Journalismus neu zu erfinden, denn es gibt sie ja schon, die großartigen Recherchen, Reportagen und welterklärenden Stücke. Aber all das so unter die Leute zu bringen, dass sie es gerne, jederzeit und auf allen Kanälen lesen, schauen oder hören können, ist die tägliche Herausforderung.

Skepsis gegenüber ungefilterten Informationen wächst

Nun hat die Washington Post den Vorteil, mit Amazon-Gründer Jeff Bezos als Eigentümer einen Geldgeber zu haben, der ziemlich viele Koffer ins Rollen bringen kann und augenscheinlich auch noch Lust dazu hat.

Ein großer Teil der Medienbranche, deren Geschäftsmodell durch sinkende Werbeerlöse unter Druck geraten ist, kann davon nur träumen. Aber Fakt ist: Neue Technologien eröffnen dem Journalismus so viele Möglichkeiten wie nie zuvor. Und der weiß es zunehmend zu schätzen.

Die Skepsis gegenüber all der ungefilterten Information aus dem sozialen Netzwerken wächst. Nur noch jeder vierte Online-Nutzer verlässt sich darauf, dass dort zwischen wahr und falsch unterschieden wird, hat der in der vergangenen Woche veröffentlichte Digital News Report des Reuters Instituts for the Study of Journalism an der Universität Oxford ermittelt. Vor allem die unter 35-Jährigen sind bereit, für journalistische Qualität zu zahlen.

Nun darf man sich nicht blenden lassen. Konferenzen wie der GEN Summit sind Treffen der Erfolgreichen. Jeder präsentiert seine neusten Entwicklungen und sich selbst im besten Licht, der Redaktionsalltag sieht oft anders aus. Ganz zu schweigen davon, dass Repressionen gegen Journalisten weltweit zunehmen. Aber dennoch gibt es Grund zum Optimismus für eine Branche, die manch einer schon totgesagt hatte - auch weil doch dank Internet heute angeblich jeder ein Journalist sein könne. Hier ein paar Gedanken zur Zukunft der Zunft.

In der Ausbildung müssen neue und traditionelle Fähigkeiten gleichermaßen trainiert werden

Erstens: Der Journalismus muss Technologie nach Kräften nutzen, sie darf aber kein Selbstzweck sein. Medienhäuser entwickeln sich zu Technologiefirmen, und das ist gut. Dabei werden drei Entwicklungen den Journalismus besonders prägen: der Einsatz von künstlicher Intelligenz, Datenjournalismus und die Analyse von Leserverhalten.

Roboter, die zum Beispiel Sport- oder Börsenmeldungen schreiben, können Journalisten von Routineaufgaben befreien. Damit werden Kräfte freigesetzt, die viel besser bei investigativen Recherchen, Reportagen und komplexen Gedankenspielen aufgehoben sind.

Seitdem zum Beispiel die Nachrichtenagentur AP Meldungen über Quartalsberichte von Firmen automatisch erstellen lässt, hat sie 4000 statt 400 Firmen auf dem Schirm und 20 Prozent an Arbeitszeit gewonnen. Künstliche Intelligenz, heißt es in dem AP-Report A guide for newsrooms in the age of smart machines, könne künftig auch bei großen Recherchen wie jener zu den "Panama Papers" dabei helfen, aus großen Datenmengen Sinn abzuleiten.

Neue Technologien ermöglichen auch andere Erzählformen, zum Beispiel Datenjournalismus oder bieten einen Perspektivwechsel mit Hilfe virtueller Realität. Und sie helfen dabei, die gleichen Themen unterschiedlich aufzubereiten, um damit Lesern aller Altersklassen so zu begegnen, wie sie das gerne hätten: in Text, Bild, Grafik, Ton oder Film, rund um die Uhr oder gebündelt in größeren Abständen, am Wohnzimmertisch, im Auto oder im Bett.

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