Zu viel auf einmal Berliner Zerrissenheit

Staatswältin (Nadja Uhl) trifft auf Clan-Chef (Atheer Adel).

(Foto: ZDF und Christoph Assmann)

"Gegen die Angst" mit überzeugenden Schauspielern wie Nadja Uhl vermengt allzu sehr Liebesfilm und Clan-Krimi.

Von Benjamin Emonts

Am Anfang ist die Welt in Berlin noch in Ordnung. Staatsanwältin Judith Schrader (Nadja Uhl) joggt lächelnd an fröhlichen Menschen vorbei, und auf der Dachterrasse kuschelt sie mit dem hübschen Polizisten Jan Wiegand (Andreas Pietschmann), mit dem sie eine leidenschaftliche Affäre hat. Dann aber wird ihr Lover bei einem Einsatz schwer verletzt vom ranghohen Mitglied eines arabischen Clans. Schrader nimmt den Kampf gegen die mächtige Berliner Großfamilie auf. Es darf nur keiner wissen, dass der angeschossene Polizist ihr Liebhaber ist.

Die Staatsanwältin, die Nadja Uhl sehenswert spielt, ist um ihre Situation nicht zu beneiden. Allein der Kampf gegen die organisierte Bandenkriminalität in Berlin hätte leicht gereicht, um sie vollends auszulasten. Jetzt aber kommt auch noch die Liebe erschwerend hinzu und behindert ihre Ermittlungen. Auch für Gegen die Angst stellt das ein großes Problem dar. Das alles auf einmal ist für den Film von Regisseur Andreas Herzog dementsprechend zu viel. Besonders in der ersten Hälfte lässt er sich allzu sehr auf die dramatische Liebesgeschichte zwischen Schrader und Wiegand ein, der ins künstliche Koma versetzt wird. Wie sie an sein Bett tritt und dabei verbergen muss, welche Gefühle in ihr brennen, ist ja durchaus spannend zu beobachten, zumal Nadja Uhl diese Zerrissenheit hervorragend spielt. Doch vom eigentlichen Thema, den Machenschaften der kriminellen Clans in Berlin, entfernt sich der Zuschauer in dieser Phase zu weit. Es rückt zunächst in den Hintergrund.

Dabei macht das hoch aktuelle und politisch brisante Thema den Film überhaupt erst relevant. Fast wöchentlich wird in den Medien über Razzien und neue Festnahmen bei den überwiegend arabischen Familienclans in Berlin berichtet. Die organisierte Bandenkriminalität in der Hauptstadt ist inzwischen ein echtes Problem, ihre Bekämpfung ein Politikum. Ungefähr ein Dutzend Clans beherrscht in Teilen Berlins die Szene aus Drogenhandel, Prostitution und Schutzgelderpressung. Das Vorgehen der Banden wird Beobachtungen der Polizei zufolge immer dreister und brutaler, selbst vor aufsehenerregenden Straftaten wie einem bewaffneten Raubüberfall auf das Berliner Einkaufscenter KaDeWe schrecken sie nicht zurück.

Worauf die Macht und der große Einfluss der Familienbanden basiert, davon vermittelt Gegen die Angst erst in der zweiten Hälfte eine leise Ahnung. Sie lassen Beweismittel verschwinden, bedrohen und schüchtern Zeugen ein, damit sie vor Gericht nicht aussagen. Mit Polizeianwärterin Leyla Sharif (exzellent gespielt von Sabrina Amali), die eine Cousine des Clanchefs ist und beobachtet hat, wie der Polizist angeschossen wurde, machen sie es genauso. Jetzt wird der Film zu einem Gerichtsdrama. Erst am Ende sagt sie doch gegen ihr Familienmitglied aus. In der letzten Szene sieht man die Leiche der jungen Frau. Die bittere Erkenntnis dieses Films: Gegen die Clans ist offensichtlich nicht zu gewinnen.

Gegen die Angst, ZDF, Montag 20.15 Uhr.