bedeckt München

Zu Besuch bei Florian Silbereisen:Das Geheimnis von Helene Fischer und Andrea Berg

Eine Helene Fischer ist heute kaum noch von einem normalen Popsternchen zu unterscheiden. Nur dass sie eben auf Deutsch singt. Und die Texte eben doch noch etwas schwülstiger sind. Und als Jürgens für seine Show einen Moderator mit echten Entertainer-Qualitäten suchte, da sagte ihm damals Rudi Carrell, dass er keinen finden würde. Weil die Zeit der großen TV-Entertainer vorbei sei, es gebe niemanden mehr, der so etwas wirklich könne. Und dann kam Silbereisen, ein 22-jähriger Jungspund. Die Kritiker verissen ihn, aber die Volksmusik-Fans hatten von Anfang an einen Narren an ihm gefressen. Und Rudi Carrell? Rief bei Jürgens an und sagte, dass er sich wohl geirrt habe.

Dritte Überraschung: Das Publikum schafft sich seine eigene Fernsehfamilie

Seitdem sind zehn Jahre vergangen, und die von Jürgens geförderte junge Schlagerszene im TV wird durch die Öffnung in Richtung Pop und Entertainment immer erfolgreicher. Andrea Berg etwa ("Atlantis", "Träume lügen nicht"), 47 Jahre alt, einst Arzthelferin und Funkemariechen, gilt mit mehr als zehn Millionen verkauften Tonträgern als erfolgreichste deutsche Sängerin. Warum? Auch dazu hat Jürgens eine Idee:

Die Fans hätten nun mal, so seine Überlegungen, "den Florian" von Anfang an begleitet. Man könne sich nicht vorstellen, wie viel Fanpost er ständig mit Durchhalteparolen erhalte. Offenbar sei es so, dass die Menschen vor den Bildschirmen sich so stark mit dem Moderator ihrer Lieblingssendungen identifizierten, dass sie ihn fast wie einen Sohn ansähen. Den sie persönlich mit aufgebaut haben. Und seitdem bei jeder neuen Sendung stolz sind, was aus dem Jungen geworden ist. Und was für eine tolle Freundin er mit der ausgebildeten Musicalsängerin Helene Fischer ("Zaubermond", "Farbenspiel") doch habe. Und die Andrea, die hat ja so viel Pech gehabt mit den Männern, wie sie singt, und jetzt darf sie endlich glücklich sein, ist das Publikum heilfroh. Auch - ein bisschen - dank der Zuschauer, die immer an sie geglaubt haben. Der Zuschauer schafft sich - mit freundlicher Unterstützung der Unterhaltungsindustrie - seine eigene Fernsehfamilie. Und will ganz genau (von der Presse) wissen, was diese abseits des Bildschirms noch so treibt. Er bleibt aber immer auf Seiten seiner "Stars". Berichtet die Presse gar Böses, umso mehr.

Das große Fest der Besten

Herzerwärmend: Helene Fischer bei Das große Fest der Besten

(Foto: dpa)

Das ist auch ein Grund, warum Florian Silbereisen und Helene Fischer in dieser Sendung so lange über die böse Presse reden. Was da nicht alles zusammen gedichtet werde, was die doch alles schreibe. Man wisse gar nicht mehr, ob man das wirklich sei, von dem da berichtet werde. Und so ist es ja auch. Und trotzdem leben beide von genau dieser Art der übersteigerten Aufmerksamkeit sehr gut.

Und dann ist da noch die Musik. Kann das denn nun wirklich jemand gut finden, was da stattfindet? Im Fernsehen sieht man oft junge blonde Mädchen in Dirndl, die unbedarft und fröhlich zu den Schlagerhits schunkeln. Mit denen würde man gerne reden. Was die wohl für ein Problem haben, dass sie diese Musik mögen, in ihrem Alter? Aber solche Mädchen im Dirndl sitzen zumindest an diesem Abend komischerweise gar nicht im Publikum. Eher sehr viel ältere Damen. Und Herren mit dumpfen Gesichtsausdrücken. Der Saal ist zum Bersten voll.

Vierte Überraschung: Es ist alles ganz einfach

In der zweiten Reihe sitzt ein engagierter Helene-Fischer-Fanclub aus Dresden. Während des harmlosen Gesprächs mit den freundlichen Mittfünfzigerinnen fällt einem dann auf: Na klar. Die stehen auf Schlager, weil sie ihn verstehen. Weil sie Englisch nie so richtig gelernt haben und die handelsübliche Pop- oder Rockmusik ihnen deshalb zu weit weg ist von ihrer eigenen Lebenswirklichkeit. Und weil sie trotzdem gerne ihre eigenen Emotionen in Liedern widergespiegelt hätten, zum Trost oder auch einfach nur zum Spaß. So einfach ist das. Man will es ja nur verstehen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema