Corona-Bloggerin Zhang Zhan:Eine Aufrichtige

Lesezeit: 2 min

Corona-Bloggerin Zhang Zhan: Juristin und Bloggerin Zhang Zhan.

Juristin und Bloggerin Zhang Zhan.

(Foto: AFP)

Warum sich das Internet am Montag mit der inhaftierten chinesischen Corona-Bloggerin Zhang Zhan solidarisiert.

Von Lea Sahay

Ohne Vorwarnung, tief in der Nacht riegelten die Behörden Wuhan vor fast zwei Jahren ab. Das Gesundheitssystem in der Stadt brach zusammen, die Zahl der Covid-19-Fälle explodierte. Dennoch war die Millionenmetropole am Jangtse nie Anlass für Peking, um anfängliche Versäumnisse aufzuarbeiten. Aus Sicht der chinesischen Propaganda steht Wuhan uneingeschränkt für Chinas Erfolgsgeschichte im Kampf gegen das Virus.

Die Bilder von Zhang Zhan, sie haben dazu nie gepasst. Die chinesische Videobloggerin gehörte zu den wenigen unabhängigen Stimmen, die im Frühjahr 2020 aus der isolierten Stadt berichteten. Während Staats- und Parteichef Xi Jinping untertauchte, die Verantwortung auf andere schob, versorgten Hunderte Berichterstatter der Staatsmedien die Welt mit Propagandamaterial. Sie zeichneten das Bild einer handlungsfähigen Regierung, die alles unter Kontrolle hat.

Ganz anders sah es in Zhangs Videos aus. Anfang Februar war sie von Shanghai nach Wuhan gereist und wurde zu einer der wichtigsten unabhängigen Quellen in der Region. In einer von der Menschenrechtsorganisation Amnesty Deutschland und der Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum initiierten Aktion auf Twitter erinnern Menschen am Montag unter dem Hashtag #ZhangZhan an die Bürgerjournalistin, die in chinesischer Haft in Lebensgefahr schweben soll.

Im Dezember wurde Zhang zu vier Jahren Haft verurteilt - sie habe "Streit angefangen und Ärger provoziert"

Die heute 38-Jährige dokumentierte im Frühjahr 2020 eine Zeit des Chaos und der Verzweiflung, die nicht ins offizielle Bild passen wollte. Sie filmte überfüllte Krankenhäuser und sprach mit Angehörigen von Opfern und Erkrankten, die den Schikanen der Behörden ausgesetzt waren. Menschen, die nach Monaten der Isolation finanziell vor dem Ruin standen, kamen zu Wort. Von Februar bis Anfang Mai 2020 stellte die Bürgerjournalistin mehr als 120 Videos aus der Stadt ins Internet. Dann verschwand sie.

Monate später bestätigten die Behörden ihre Verhaftung, hielten sie solange ohne Angabe von Gründen und ohne Zugang zu juristischem Beistand fest. Im Dezember wurde Zhang dann zu vier Jahren Haft verurteilt. Sie habe "Streit angefangen und Ärger provoziert". Ein gängiger Vorwurf in China, um Dissidenten mundtot zu machen. Auch dem chinesischen Arzt Li Wenliang, der bereits im Dezember 2019 versucht hatte, Kollegen vor der Ausbreitung einer neuartigen Krankheit in Wuhan zu warnen, war von den Behörden als vermeintlicher Unruhestifter zum Schweigen gebracht worden. Li infizierte sich später selbst und starb an den Folgen seiner Covid-19-Infektion.

Zhangs Familie, die Vereinten Nationen und die Europäische Union fordern ihre Freilassung, es bestehe Lebensgefahr

Zhang, geboren in der Nähe von Xi'an in der zentralchinesischen Provinz Shaanxi, studierte erst Finanz- und Versicherungswesen, bevor sie als Juristin arbeitete. Seit 2010 engagierte sie sich in einer Gruppe von Menschenrechtsanwälten für Bürgerrechte im Land. Später verlor sie wie viele ihrer Kollegen wegen ihrer Arbeit ihre Lizenz. Sie machte weiter, kritisierte in Blogbeiträgen offen die Kommunistische Partei. Immer wieder wurde sie verwarnt, wiederholt in Untersuchungshaft gesperrt, wo sie aus Protest in den Hungerstreik trat.

Diese Form des Protests wählte sie auch nach ihrer Verurteilung vor einem Jahr. Zwischenzeitlich wurde sie zwangsernährt, inzwischen soll sie kaum noch in der Lage sein zu laufen oder ihren Kopf aufrecht zu halten. Gegenüber der Familie soll ein Arzt des Gefängnisses ihren kritischen Zustand bestätigt haben. Es bestehe Lebensgefahr.

Ihre Familie hat in höchster Sorge ihre vorzeitige Entlassung beantragt, auch die Vereinten Nationen und die Europäische Union haben sich den Forderungen angeschlossen, Zhang freizulassen und medizinische Hilfe bereitzustellen. Die Organisation Reporter ohne Grenzen zeichnete sie im November mit dem Press Freedom Award aus.

Alle Forderungen blieben jedoch bisher ohne Erfolg. Das chinesische Außenministerium teilt ungerührt mit, der Fall werde nach chinesischem Recht behandelt.

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