Zeitunterschied bei Fußballübertragungen:Analog schießt auch keine Tore

Lesezeit: 2 min

Weiß der Nachbar mal wieder vor Ihnen Bescheid, wenn Schweini den Freistoß ins lange Eck pfeffert? Das TV-Signal kommt nicht bei allen Zuschauern gleichzeitig an, der Torjubel deshalb auch nicht. Woran das liegt - und wie Sie sich den Fußballspaß davon nicht verderben lassen.

Matthias Huber

Public Viewing Deutschland - Portugal

Banges Warten und der Nachbar jubelt schon? Die Zeitverzögerung bei Fußballübertragungen liegt an den unterschiedlichen Übertragungssignalen.

(Foto: dapd)

"Fenster zu!", ruft einer der Mitgucker. Im Fernsehen läuft gerade das Champions-League-Finale Bayern gegen Chelsea, aber das nahe Public-Viewing-Event auf der Münchner Theresienwiese droht die ganze Spannung zu verderben. Warum? Weil wir schon am (ausbleibenden) Jubel nach jeder der 20 bayerischen Ecken hören können, dass es der Ball wieder nicht ins Tor geschafft hat. Bis wir das selbst sehen, dauert es aber ein paar Sekunden länger.

Das Problem kennt jeder, und während der Europameisterschaft ist es wieder aktuell in den Wohnzimmern: Der Nachbar jubelt schon, während Schweini auf dem eigenen Fernseher gerade zum Freistoß anläuft. Schuld daran ist aber nicht eine bevorzugte Behandlung der Public-Viewing-Masse oder der Kundschaft des Bezahlsenders Sky, sondern unterschiedliche Übertragungswege des Fernsehsignals.

Ganz live ist natürlich auch eine angebliche Live-Übertragung nicht. Bis zu 100 Sekunden dürfen zwischen dem Ereignis und dem Fernsehbild liegen, dass die Sendung sich immer noch mit der Bezeichnung schmücken darf. Aber Fernsehbild ist eben nicht gleich Fernsehbild. Grundsätzlich gilt: Analog ist schneller (und damit früher beim Publikum) als digital. Ein digitales Signal muss vor der Einspeisung in das Netz erst umgewandelt werden. Analog gibt es aber nur im Kabel, seit im April das Satellitensignal deutschlandweit auf digital umgestellt wurde. Wer unbedingt als erster in Torjubel ausbrechen will, verzichtet dabei aber auf die bessere digitale Bildqualität. Analoges Fernsehen schießt eben auch keine Tore.

In der digitalen Konkurrenz ist die Satellitenübertragung der Gewinner. Je direkter der Weg, umso schneller ist die Sendung auf dem Fernseher. Das Signal kommt direkt vom Sendersatellit in der eigenen Schüssel an, während die Kabelbetreiber oft selbst genau dieses Satellitensignal in ihre Netze einspeisen, und es deshalb einen längeren Weg bis zum Fernseher hinter sich hat. Das sind aber höchstens minimale Unterschiede, in einem gut ausgebauten Glasfasernetz kaum spürbar. Am langsamsten ist IPTV, also Fernsehempfang über das Internet: Hier sind Verzögerungen im zweistelligen Sekundenbereich keine Seltenheit.

Wirklich viel kann man zur Fußball-EM gegen die Verzögerung nicht tun, den Fernsehanbieter wird kaum einer deswegen wechseln. Aber Sie können sich über die skurrilen Bilder freuen, die dieser Umstand produziert: Sommerliche Temperaturen, mehrere Lokale nebeneinander, allesamt mit Tischen und Fernseher draußen. Und plötzlich jubeln die Gäste in der bayerischen Wirtschaft, während einen Tisch und zwei Meter weiter beim Italiener noch alle stumm sind. Dabei spielt Deutschland nicht einmal gegen Italien! Ein verstohlener Seitenblick schafft Abhilfe. Und wer doch lieber daheim bleibt? "Fenster zu!", und eben ein klein wenig Geduld.

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