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Zeitungsmarkt:"Wir erreichen mehr Leser als je zuvor"

"Wir erreichen mehr Leser als je zuvor", freut sich Julia Beizer. Als oberste Produktmanagerin kümmert sich die 34-Jährige mit 17 Mitarbeitern besonders ums Mobil-Geschäft. Stolz ist sie auf die neue Rainbow-App, die pro Bildschirm nur einen Artikel mit großem Foto präsentiert: "Auf Tablets und Smartphones wirken viele Websites unruhig. Unser Design ist magaziniger und der User flippt sich durch die Texte."

Inhaltlich mische sich Bezos nicht ein, heißt es, technisch schon: Er sei "unser bester Beta-Tester"

Beizer erhält regelmäßig E-Mails von Jeff@amazon.com und ist bei den Schaltkonferenzen mit Bezos dabei. Als ein Leser über lange Ladezeiten der App klagte, schlug Bezos vor, erst Bilder in niedriger Auflösung zu laden. "Unser bester Beta-Tester", nennt Technik-Chef Shailesh Prakesh den Verleger. Die Apps sind die eindeutigste Verbindung zum Amazon-Imperium: Sie sind auf jedem Kindle-Tablet vorinstalliert und sechs Monate lang gratis. Genauso lang dauert das kostenlose Post-Digital-Abo für alle Amazon-Prime-Kunden. Wie viele Online-Besucher über diese Kanäle kommen, bleibt geheim. Das Potenzial ist groß: Allein in den USA gibt es mindestens 60 Millionen Prime-Kunden.

Produktmanagerin Beizer legt Wert darauf, alles im Haus zu entwickeln, "da werden keine Amazon-Mitarbeiter eingeflogen." Früher musste alles "so billig wie möglich" sein, weil das Blatt Verluste schrieb. Heute hat ihr Team viele Optionen. Die Post stellt alle Inhalte kostenlos bei Facebook ein, um die Reichweite zu erhöhen und mehr über die Nutzer zu erfahren. Die Daten sollen helfen, Wünsche zu erfüllen und passgenauere Anzeigen schalten zu können. Die Skepsis der Konkurrenz versteht Beizer nicht: "Natürlich könnte Facebook irgendwann die Regeln ändern. Aber unsere Devise ist es, sich hineinzustürzen und möglichst viel zu lernen."

Der Vorwurf, die Post sei nur dank Tricks an der New York Times vorbeigezogen, regt Beizer auf. "Klickschinderei, was soll das sein? Wir wachsen, weil wir preisgekrönten Journalismus auf viele Arten präsentieren. Unsere Datenbank zu Polizeigewalt ist so umfassend, dass das FBI neidisch ist." Sie verweist auf Ideen wie die Sektion "Post Everything". Die meisten dieser Ich-Texte von Gastautoren sind enorm populär im Netz - der Bericht einer arbeitslosen Mutter, die im Mercedes ihre Essensmarken abholte, war 2014 einer der meistgeteilten Texte. Beizer erkennt hier nicht nur einen veränderten Zeitgeist, sondern stellt diese Texte in die Tradition der Zeitung: "1969 führte Bradlee das Ressort Style ein, in dem die Geschichten stehen sollten, über die Leute in der Kaffeepause reden. Diese bieten wir noch heute."

Stets Teil der öffentlichen Debatte zu bleiben, das erwartet auch Steven Ginsberg. Sein Politikteam produziert etwa 70 Artikel täglich, die auf der Website, bei Facebook und in Newslettern verbreitet werden. In The Fix, dem Politblog der Washington Post, spotten die Autoren erst über verunglückte Talkshowauftritte von Politikern und bereiten danach Studien oder Umfragen in anschauliche Grafiken auf. Während früher oft über mögliche Doppelungen diskutiert wurde, heißt es nun: "Zu viel gibt es nicht."

Dank der Bezos-Investitionen kann Ginsberg 2016 doppelt so viele Reporter einsetzen wie im letzten Wahlkampf, 40 an der Zahl: "Wir wollen überall sein, wo die Kandidaten auftreten - und Geschichten publizieren, die niemand sonst findet." Der 30-jährige Robert Costa ist hervorragend mit konservativen Politikern vernetzt und liefert ständig Exklusives. Twitter sei sein zweites Notizbuch: "Ich poste Zitate, während ich meinen Text schreibe und teile fast all meine Infos."

Der Kampf um Obamas Nachfolge ist die zehnte Präsidentenwahl, über die Dan Balz berichtet. Der legendäre Reporter twittert seit Jahren eifrig, doch 2016 konzentriert sich der 69-Jährige auf ein anderes Medium: "Mir gefällt das Visuelle und die Flüchtigkeit von Snapchat." Dass alles immer schneller werde, stört Balz nicht. Im Gegenteil: Ihn begeistert, mit seinen Kollegen bei TV-Debatten "den Lesern in Echtzeit Einordnungen bieten" zu können.

Dan Balz lebt, was sein Chefredakteur Marty Baron seit Jahren wiederholt: "Wir müssen akzeptieren, dass in der Medienbranche der Wandel dauerhaft ist." Die Washington Post scheint dafür gut gerüstet.

© SZ vom 04.01.2016/cag

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