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Zeitschrift "Kaltblut":Sehnsucht nach Berlin

Cover Kaltblut Zeitschrift

Das New Yorker Model Melanie Gaydos erfüllt nicht das klassische Schönheitsideal. Deshalb kam sie aufs Cover.

(Foto: Maren Michaelis)

Zwei Männer erfinden in Berlin ein Magazin als Experimentierbühne. Besonders im Ausland kommt das Label aus der Hauptstadt an. Weil es immer noch die coolste Stadt der Welt sei, so die Macher.

Zwischen Covermodels, denen schon Ecken und Kanten attestiert werden, wenn eine Zahnlücke das makellose Gesicht ziert, fällt Melanie Gaydos auf. Ihr Gesicht, das von einem seltenen Gendefekt gezeichnet ist, brüskiert alle Sehgewohnheit, die auf dem Cover eines Modemagazins gefällige Schönheit erwarten lässt. "Für uns ist das eine klare Ansage", sagt Marcel Schlutt, Herausgeber des englischsprachigen Magazins Kaltblut aus Berlin. "Schönheit ist so viel mehr als blondes, langes Haar und ein perfekter Körper." Als Schlutt erfuhr, dass man das außergewöhnliche New Yorker Model für eine Modestrecke fotografieren dürfe, habe sofort festgestanden, dass es das Gesicht der aktuellen Ausgabe werden würde.

Die gibt sich unaufgeschlagen erst einmal geheimnisvoll. Kaltblut steht da in Großbuchstaben, darunter "Collection 6" und "The Noire", sonst nichts. Ein Magazin, das hochwertig anmutet und irgendwie hip wirkt, und das man gut sichtbar auf seinem Couchtisch platzieren möchte, um sich modeaffin und kunstversiert zu geben. Ein Magazin, das Gefahr läuft, unterschätzt zu werden; dessen Äußeres viele Bilder, viel Werbung und wenig Text verspricht.

Schlägt man Kaltblut auf, ist es aber ganz anders: Die 209 Seiten der sechsten Ausgabe sind dicht bedruckt, umfassen 15 Interviews, 19 Foto- und Modestrecken, mehrseitige Künstlerporträts und umfangreiche Artikel. "The Noire" ist das Leitthema des Heftes, das etwa den französischen DJ Gesaffelstein als "Prince of Darkness" feiert und die Sommerkollektion des Neuköllner Labels Augustin Teboul vorstellt, dessen Mode ausschließlich in Schwarz gehalten ist. Ein neues Feature heißt "Sketch Book": Auf einem weißen Blatt Papier werden Illustratoren dazu aufgefordert, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Den Anfang machen die Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Jean Khalife, Produktdesigner der Turnschuhmarke Vans.

Platz für unbekannte Talente

Für Marcel Schlutt und seinen Mitherausgeber und Lebenspartner Nicolas Simoneau begann Kaltblut als Liebhaberprojekt. Es sollte sein, was sie auf dem Zeitschriftenmarkt vermissten: eine große Bühne mit viel Platz für noch unbekannte Talente aus Mode, Kunst, Musik, Film und Fotografie - mit internationaler Ausrichtung. Der Plan ging auf: In der Londoner Tate Modern und im Pariser Centre Pompidou liegt Kaltblut heute aus, in Museen, Galerien und im ausgewählten Fachhandel in New York, Mailand, Amsterdam. Aus einer notgedrungen niedrig angesetzten Auflage von anfangs 1000 Exemplaren erwuchs so etwas wie Exklusivität.

Zu Schlutts eigentlichem Wunsch passt dieser Status eines Sammlerobjekts kaum: Er will ein Magazin für alle machen, für "Studenten, Hartz-IV-Empfänger und die Toilettenfrau meines Lieblingsclubs". Viel zu oft, sagt er, würden Themen wie Mode, Kunst und Musik mit einer so prätentiösen Attitüde angegangen, dass sie ohnehin kein Mensch verstehe; Modestrecken zeigten Kleidung, "die sich sowieso niemand leisten kann". Neben 300-Euro-Seidenblusen angesagter Nachwuchsdesigner präsentiert Kaltblut auch Kleidung von Zara, Monki und H&M.

Auch den Magazinpreis hat man jüngst um mehr als die Hälfte reduziert - um für ein weniger kaufkräftiges Publikum erschwinglich zu sein. Mit mehr als 400 Seiten und anderthalb Kilo Gewicht hatte Kaltblut bislang eher Bildband- als Magazincharakter, Druck- und Lieferkosten waren entsprechend hoch. 30 Euro kostete es bisher, jetzt sind es 14. Alle Beteiligten arbeiten hauptberuflich in den Bereichen, für die sie bei Kaltblut zuständig sind. Leben können Schlutt und das Team noch nicht von ihrem Produkt, aber man sei "auf einem guten Weg". Die Verkaufszahlen steigen stetig, 3000 Exemplare druckt man inzwischen - die fünfte Ausgabe war bereits ausverkauft.

Konzipiert wird mitten in Berlin, mit Blick auf den Alexanderplatz. Die Frage, ob Kaltblut ein Hauptstadt-Magazin sei, verneint Schlutt entschieden. Davon gebe es bereits mehr als genug. Nur eine Kategorie ("Berlin Faces You Should Know"), ein paar Interviewfragen ("How do you like our hometown?") und ein Blick ins Impressum verraten, wo Kaltblut entsteht. Die Zukunft des Magazins sieht Schlutt vor allem im Ausland. Da komme das Label "Made in Berlin" an. "Berlin ist immer noch die coolste Stadt der Welt", sagt er. "Lustig ist immer, dass die Leute sagen: I love Berlin, it's so cool! Wenn man dann aber fragt, ob sie schon mal da waren, ist die Antwort meistens: Nein."