Stephen King An der Zeit

Stephen King dürfte der meistadaptierte Autor der Gegenwart sein. Für seine Buchrechte verlangt er nur einen Dollar, dafür will er aber mitreden. Nun wurde aus "Der Anschlag" eine TV-Serie.

Von Karoline Meta Beisel

Er gilt als der Fürst der Finsternis, aber "Fürst des Flimmerlichts" passt eigentlich auch. Die Film- und Comicwebseite Den of Geek hat nachgezählt: Allein in diesem Moment werden 26 Romane und Kurzgeschichten von Stephen King zu Filmen oder Fernsehserien verarbeitet - damit dürfte der 68-Jährige aus Maine der meistadaptierte Autor der Gegenwart sein. Zu den neuesten Filmprojekten gehören die düstere Fantasysaga Der Dunkle Turm, die 2017 mit Idris Elba und Matthew McConaughey ins Kino kommen soll, eine Neuverfilmung des Gruselclown-Klassikers Es nach einem Drehbuch von True Detective-Regisseur Cary Fukunaga oder Doctor Sleep, die Fortsetzung von The Shining.

Die Serie 11.22.63 - Der Anschlag, die von Montag an in Deutschland läuft, ist, wenn man so will, also nur eine von vielen Stephen-King-Verfilmungen. Zugleich ist sie aber völlig anders als die anderen - was mit der Vorlage zu tun hat. "Normalerweise denke ich mir meine Geschichten von vorne bis hinten aus", sagt Stephen King am Telefon. "Aber diesmal musste ich richtig recherchieren, weil es ja auch um reale Ereignisse geht."

Ein Sachbuch ist Der Anschlag trotzdem nicht geworden. In dem Roman, der jetzt zur Serie wurde, geht es um einen Mann, der durch die Zeit reist, um die Geschichte zu verändern: Er will Lee Harvey Oswald ausfindig machen und den tödlichen Anschlag auf John F. Kennedy verhindern.

Lee Harvey Oswald auf der Spur: Jake Epping (James Franco, links) und Bill Turcotte (George MacKay) wollen den Mord an John F. Kennedy verhindern.

(Foto: Fox)

King weiß noch, wo er am 22. November 1963 war, als er mit 15 Jahren von dem Attentat erfuhr, das die Nation verändern würde: "Ich saß nachmittags im Schulbus, und der Fahrer sagte: Irgendein Hurensohn hat gerade den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika erschossen." Die Frage, in was für einer Welt wir heute leben würden, wenn dieser Tag anders verlaufen wäre, fasziniert King bis heute: "Ein einziger Mann mit einer Waffe hat die ganze Welt verändert - was wäre, wenn ihn jemand gestoppt hätte?", sagt King. "Denken Sie mal darüber nach!"

Es gäbe heute zum Beispiel keinen US-Präsidenten Barack Obama, glaubt King: "Es war Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson, der den Civil Rights Act durch den Kongress brachte", sagt King. "Und ohne die so erreichte Gleichstellung farbiger Bürger wäre im 20. Jahrhundert kein schwarzer Mann Präsident geworden." Auch einen Kandidaten Trump gäbe es heute nicht, so King: "Da bin ich mir sogar ziemlich sicher. Wenn die Geschichte einmal einen anderen Weg einschlägt, dann ändert sich alles, was danach kommt".

So weit denkt der Diner-Besitzer Al (Chris Cooper in einer Nebenrolle) in der Serie natürlich nicht. Aber er ist überzeugt, dass es ohne das Attentat an John F. Kennedy nie zum Vietnamkrieg gekommen wäre. In der Besenkammer seines Diners befindet sich praktischerweise eine Zeitschleuse, die jeden, der sie betritt, ins Jahr 1960 transportiert - um das Attentat zu stoppen, muss man also einige Jahre in der Vergangenheit leben. Al will den Vietnamkrieg unbedingt verhindern, aber er ist zu alt und zu krank für dieses Abenteuer. Darum schickt er seinen Schützling auf die Reise, den Lehrer Jake, gespielt von Hollywood-Tausendsassa James Franco.

Bei seiner Zeitreise lernt Jake, dass früher anscheinend tatsächlich alles besser war: die Burger zum Beispiel. Das Fleisch aus den Sechzigern ist billig und so gut - mangels Alternativen nämlich bio - dass es regelmäßig im Jetzt auf den Tellern in Als Diner landet. Für die unzähligen blankpolierten amerikanischen Schlitten, die in der Serie unterwegs sind, hätte 11.22.63 einen Ausstattungspreis verdient. Und dann sind da noch die Frauen mit ihren wohlondulierten Haaren: Jake lernt die hübsche Bibliothekarin Sadie (Sarah Gadon) kennen - ganz schön schwer, sich da noch auf die Weltveränderung zu konzentrieren.

Ein Meister auch der kleinen Form: Stephen King.

(Foto: Kenzo Tribouillard/AFP)

Stephen King gehört zu den meistverkauften Schriftstellern der Welt. Geld braucht er wohl keines mehr, deswegen kann er es sich leisten, die Rechte an seinen Werken für nur einen Dollar zu verkaufen - und sich erst später einen Teil des Gewinns auszahlen zu lassen. Dafür will er aber mitreden, jedenfalls bei grundlegenden Fragen. 11.22.63 zum Beispiel sollte ursprünglich mal ein Kinofilm werden. Aber King und der eigentlich vorgesehene Regisseur wurden sich nicht einig darüber, welche Teile des 900-Seiten-Romans darin vorkommen sollten und welche nicht. Jetzt also gibt es die von J. J. Abrams produzierte achtteilige Miniserie, in der alles Platz hat - was man in manchen Episoden durchaus auch bemerkt. "Kinofilme sind für mich wie Kurzgeschichten", sagt King. "Aber lange, romanartige Geschichten kann man eigentlich nur im Fernsehen erzählen."

Die Serie ist keine klassische Zeitreise-Saga. Hier kommt man nur ins Jahr 1960

Überhaupt passen Stephen King und das Fernsehen gut zusammen: Beide wurden von den Feuilletons lange ignoriert. Heute gibt es ganze Studiengänge über Fernsehserien, und einige der beliebtesten von ihnen - die Zombieserie The Walking Dead oder die Fantasysaga Game of Thrones - basieren auf Geschichten, die genauso düster sind wie die, mit denen King berühmt wurde. Der Erfolg seiner Bücher und der Erfolg dieser Serien hängen zusammen, glaubt King: "Das ist derselbe Mechanismus, der dazu führt, dass wir langsamer fahren, wenn wir an einem Verkehrsunfall vorbeikommen. Wir sind froh, dass es nicht uns passiert." In Wahrheit gehe es in all diesen Geschichten denn auch weniger um das Übernatürliche, sondern in erster Linie immer um die Menschen, denen solche Dinge passieren. "Wir fragen uns: Was würden wir tun?", sagt King.

Auch 11.22.63 ist darum keine klassische Zeitreise-Saga mit Stippvisiten im Mittelalter oder der Zukunft. Die Besenkammer befördert Jake stets ins Jahr 1960, drei Jahre vor dem Attentat. Darum fühlt sich die Geschichte eher an wie ein Historienfilm als wie Science Fiction. Aber eins hat sie dann doch mit anderen Filmen dieses Genres gemein: Die Vergangenheit will sich nicht ändern lassen, sie wehrt sich.

Einmal steht Jake in der Jetzt-Zeit vor seiner Klasse. Er fragt: "Was würdet Ihr tun, wenn Ihr die Geschichte verändern könntet?" Für Jake stellt sich noch eine andere Frage: In wieweit er bereit ist, sein Leben von der Geschichte verändern zu lassen.