Zeitgeschichte Ein Held von gestern für heute

Fritz Bauer sorgte als Generalstaatsanwalt für die juristische Aufarbeitung von Auschwitz. Gleich mehrere Filme entdecken den Mann, der nicht zulassen wollte, dass Nazi-Täter davonkommen.

Von Willi Winkler

Erschreckend, wie sich ein Mensch verwandeln kann, wenn er plötzlich in den Dialekt wechselt: Eben noch gab Ulrich Noethen ganz und gar normsprachlich Auskunft über die Kunst der Schauspielerei und seinen Werdegang vom Theater über die Comedian Harmonists und Bibi Blocksberg bis zu Hannah Arendt, da springt er ohne Vorwarnung in ein strammes Honoratioren-Schwäbisch, hämmert es in einem Staccato heraus, das ihn noch fremder, aber von irgendwoher vertraut macht. Ja, richtig, Herbert Wehner ist es, der legendäre SPD-Fraktionsvorsitzende, der im Bundestag und vor der Interview-Kamera alles maßregelte, was nicht nach seiner Pfeife war. Dabei konnte Wehner gar kein Schwäbisch, sondern sprach Sächsisch.

Schon vor dem Sprachwechsel war Noethen ein anderer, nämlich nicht mehr wiederzuerkennen mit der neuen Nase, der Perücke, der flaschendicken Brille. Am Set raunen sie, dass es morgens fast zwei Stunden daure, um ihn in diese fremde Form zu bringen. Noethen spielt Fritz Bauer und jetzt die Szene, in der der Frankfurter Generalstaatsanwalt zur Strafverfolgung der Nazi-Verbrecher einen jungen rebellischen Staatsanwalt (David Kross) anwirbt. Weil das aber das Fernsehen ist, wird die Frankfurter Szene im Münchner Justizpalast gedreht, das Bonner Palais Schaumburg steht in Baden-Baden und dient sonst der örtlichen Wirtschaft als Treffpunkt, und Jerusalem findet sich praktischerweise in der alten spanischen Spaghetti-Westernstadt Almeria.

Ein Jurist, sei er auch Staatsanwalt, eignet sich allenfalls im amerikanischen Gerichtsfilm zum Heldentenor. Umso überraschender die Konjunktur, die Fritz Bauer gegenwärtig erlebt, fast ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod. Die besten Schauspieler wetteifern darum, ihn darstellen zu dürfen. Axel Milberg spielte ihn 2010 in Eichmanns Ende, Gert Voss war in seiner letzten Rolle von einem Labyrinth des Schweigens (2014) umgeben, Burghart Klaußner wird im Oktober in Der Staat gegen Fritz Bauer mit schwerer Brille im Kino zu sehen sein. Es ist, als lautete das neue Mantra in den Fördergremien und Redaktionen: Jura ist sexy. In einem erfreulichen Nebeneffekt wird an einen leider fast vergessenen Mann erinnert, der sich in der alten Bundesrepublik mit seinem ungewöhnlichen Mut wenig Freunde machte.

Die Nazis trieben den in Stuttgart geborenen, aber trotzdem überzeugten Sozialdemokraten 1934 ins Exil nach Dänemark. Kurt Schumacher, der erste SPD-Vorsitzende nach dem Krieg und mit Bauer im KZ Heuberg bei Stuttgart interniert, holte ihn als Generalstaatsanwalt nach Braunschweig, wo er 1952 in einem aufsehenerregenden Prozess das "ewig geltende Recht" gegen den "Unrechtsstaat" Hitlers vertrat, in dem jedermann zur Notwehr berechtigt gewesen sei. Bauer wurde nach Frankfurt berufen, ins "rote Hessen", und konnte dort mit der systematischen Untersuchung des in Auschwitz begangenen Massenmords beginnen, zu der es ohne seine unermüdliche Arbeit nicht gekommen wäre.

Bauer bei einer Pressekonferenz während des ersten Auschwitz-Prozesses in Frankfurt.

(Foto: Roland Witsch/PA)

Ein anderer Staatsanwalt, aber einer, der es bis zum Ministerpräsidenten Baden-Württembergs brachte, hat die Abwehr gegen jede juristische Aufarbeitung in blattgoldene Worte gepresst: "Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein." Diese Maxime Hans Filbingers war Recht und Gesetz in der alten Bundesrepublik. In seinem Film Rosen für den Staatsanwalt hat Wolfgang Staudte bereits 1958 die weitgehend unbehelligten Nazi-Juristen vorgeführt. Als Berliner Studenten um den SDS-Aktivisten Reinhard Strecker 1959 in Karlsruhe die Ausstellung "Ungesühnte Nazijustiz" veranstalteten, kamen sie sofort in den Verdacht, Teil der ostzonalen "Blutrichter"-Kampagne zu sein. Auch die oppositionelle SPD, das muss ihr die historische Gerechtigkeit lassen, kuschte vorsichtshalber vor der Regierungsvorgabe, dass aus dem Osten ohnehin nur Böses komme, und warf den SDS unter anderem deshalb aus der Partei.

"Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich Feindesland": Er störte - und er wusste es.

Fritz Bauer hatte nie Bedenken, Informationen aus der bestenfalls in Gänsefüßchen anerkannten "DDR" anzunehmen, wenn sie der Aufklärung und damit der Wahrheitsfindung dienten. Da er genau wusste, wie wenig Lust die von kaum geläuterten Nazis durchsetzten deutschen Behörden zeigten, sich um die Auslieferung des nach Argentinien geflohenen SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann zu kümmern, nahm Bauer den Umweg über Israel. Mit seinen Informationen und vor allem auf sein Drängen konnte der Mossad Eichmann aus Buenos Aires herausholen, so dass er sich in Jerusalem vor einem ordentlichen Gericht verantworten musste. Die Deutsche National-Zeitung und Soldaten-Zeitung, ein Blatt, das sich als regelmäßigen, wenn auch heimlichen Mitarbeiter den Grundgesetzkommentator Theodor Maunz hielt, der zuvor im Dritten Reich das Gesetz dem Willen des Regimes unterworfen haben wollte, denunzierte Bauer deshalb als "Mossad-Agenten". Sein größtes Verdienst ist die Vorbereitung der Auschwitz-Prozesse, die von 1963 in Frankfurt stattfanden. Schließlich, auch das sollte nicht vergessen werden, gehört Bauer mit Werner Maihofer und Hans Giese zu den Wegbereitern der Großen Strafrechtsreform, die 1969 endlich verabschiedet wurde, ein Jahr nach Bauers Tod.

Und damit genug Geschichte, oder nur noch eins: Der General mit Ulrich Noethen in der Titelrolle bestreitet, dass sich in der Bundesrepublik die Demokratie nur so problemlos etablieren konnte, weil das alte Personal aus der vorangegangenen Diktatur integriert wurde. Nein, es brauchte Radikaldemokraten wie Bauer, von dem der Satz überliefert ist: "Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich Feindesland."

Der Produzent Nico Hofmann glüht vor Begeisterung für den General, der für ihn auch eine "Verdrängungsgeschichte" ist. Fast fünf Jahre haben sie an dem Projekt gearbeitet, das Drehbuch ist durch zehn Fassungen gegangen. "Diese Geschichte ist, wie die ganze Zeit, noch nicht erzählt worden. Vielleicht liegt es daran, dass die Adenauer-Zeit insgesamt so lähmend ist." Seine Eltern besaßen ein Fotoalbum, mit dem sich stolz das neu gebaute Haus vorführen ließ. "Diese Bilder verströmten Materialismus, aber kein Glück." Während in den USA gleichzeitig ein Aufbruch begonnen habe, wie ihn die Serie Mad Men zeigt, sei es bei uns freudlos zugegangen.

Hofmann weiß genau, dass sein Fritz Bauer niemals an die Traumquoten seiner Serie Unsere Mütter, unsere Väter (2013) heranreichen wird, schon gar nicht an die mehr als elf Millionen Zuschauer der Flucht (2007), als Maria Furtwängler ganz Ostpreußen auf einem einzigen Pferd nach Westen rettete. Nico Hofmann möchte den General aber unbedingt zum Helden machen.

Sein Held wird deshalb vom Bundesnachrichtendienst bespitzelt (das war so), er verklagt Adenauers Staatssekretär Hans Globke, der unter Hitler die Nürnberger Rassegesetze kommentiert hat (trifft beides zu), und er ist homosexuell. "Fritz Bauer ist ein Vorbild, was Liberalität und Offenheit angeht, nicht nur in politischer Hinsicht", sagt Hofmann. "Dass ihm Offenheit und Liberalität im Ausleben seiner eigenen Homosexualität verwehrt war, macht ihn auch zu einer tragischen Figur."

Hier zeigt sich dann doch die Angst, mit dem aktenstaubtrockenen Thema vielleicht niemand hinterm Ofen vorzulocken. Bauer war möglicherweise homosexuell, doch spielte das für seine Arbeit keine Rolle. Im Film huscht einmal ein in knappes Frottee gekleideter Jüngling durch seine Wohnung. Die alte Bundesrepublik ist auch sonst eine strikte Männerwelt, die sich um Diensttelefone, Amtsgeschäfte und schwere Brillen dreht. Die quotenwichtigen Frauen kommen deshalb kaum vor; laut Drehbuch ist immerhin einmal eine Brust zu sehen, die eben das Baby eines Mitarbeiters gesäugt hat.

"Diese Bilder haben vergleichsweise wenig Dramatik", gibt Hofmann zu, aber der Regisseur Stephan Wagner, der zuletzt den Berlin-Tatort Das Muli drehte, kann daraus einen politischen Krimi machen.

Für Ulrich Noethen geht es darum, "eine Figur glaubhaft zu erzählen, ohne den Unterhaltungsaspekt zu vernachlässigen". Nur zwei Takes braucht es, um sie in ihrer ganzen Getriebenheit zu etablieren. Noethen kommt rein, arbeitsgebückt, den Kopf zum Rammbock ausgefahren, er geht um den Tisch, an dem sich David Kross als vorlauter Nachwuchsjurist vor einem Vorgesetzten zu verantworten hat, nimmt einen Aschenbecher, um rauchen zu können, hört kurz zu und befreit den Jungen aus seiner dummen Lage. Auf Schwäbisch natürlich.

Ulrich Noethen, der vor der Schauspielerei mehrere Semester Jura studiert hat, sieht Bauer als Vorbild. Er hat den historischen Bauer anhand der bei Youtube gesammelten Aufnahmen studiert. Bei den Dreharbeiten wurde ihm durch die laufende Berichterstattung über die Arbeit der deutschen und amerikanischen Geheimdienste augenfällig, wie aktuell die Geschichte ist, die auch ein Lehrstück über den politisch-nachrichtendienstlichen Komplex ist. Die Filme über Fritz Bauer sorgen endlich für historische Gerechtigkeit: Schwul oder nicht, Fritz Bauer war ein Held, auch wenn sich die Erkenntnis erst spät durchsetzt.