ZDF überträgt Fußball-EM aus Usedom Usedom ist nicht Bregenz

Doch Usedom ist nicht Bregenz. Das ist keine richtig erschütternde Erkenntnis, aber so sehr die Bilder fliegen, sich drehen und geschwenkt werden, so verheißungsvoll der Horizont abgetastet wird und so rasant in Gesichter gezoomt wird - es sind alles Bilder einer großen Distanz zum emotionalen Ereignis.

Die Uefa wollte mit dem Zwei-Länder-Turnier osteuropäische Gebiete erschließen, die Landkarte des Fußballs neu drucken. Die Menschen in Polen und der Ukraine möchten sich öffnen. Es liegt eine politische Spannung über der Veranstaltung, eine gesellschaftliche sowieso, und es gibt die klassischen Konflikte einer Fußball-Meisterschaft, den Hooliganismus beispielsweise, der ebenfalls beobachtet werden muss. Und das ZDF legt sich an einen deutschen Ostseestrand.

In den bisher oft nur zur Hälfte eingenommenen Liegestühlen ruht und freut sich eine Art AOK-Kongress. Die Stimmung ist herbstlich, ist eher Ende statt Anfang der Saison. Das ganze Ensemble, in dem Müller-Hohenstein und Kahn sich aufhalten, wirkt wie angespültes Strandgut - oder wie der Nachbau einer Bohrinsel. Und da ist es eine Leistung, verloren auf See und ohne die atmosphärische und unmittelbare Anbindung an dynamische Spiele wie das 1:1 der Spanier gegen Italien oder das 2:1 der Ukraine über Schweden, zu urteilen und zu berichten. So zu urteilen, wie Kahn das in der frühen Phase der EM bereits ordentlich hinbekommt und Müller-Hohenstein es tapfer und unverdrossen versucht, hinzubekommen.

Jugendzeltlager? Funktionäre?

Das ZDF wird wohl reagieren. Vielleicht rücken ein paar Jugendzeltlager an. Vielleicht werden ein paar Funktionäre eingeflogen. Vielleicht wird noch mehr in Städte geschaltet, die tatsächlich in Polen und der Ukraine liegen. Vielleicht verbreiten internationale oder nationale Gäste aus der Welt des Fußballs oder Teile der deutschen EM-Expedition bald auf Usedom echte EM-Stimmung. Vielleicht wird Usedom die Bühne für außerordentlich bewegte Politiker.

Wie auch immer: Wenn man sich an die WM in Frankreich erinnert - 1998 postierte sich das ZDF auf einem Hochhausdach eindrucksvoll über den Champs-Élysées - oder an die WM in Deutschland 2006, als das Zweite auf dem Potsdamer Platz im Zentrum Berlins ein Public-Viewing-Stadion für 3000 Zuschauer baute. Und wenn man an Bregenz denkt, ein aus geografischen Gründen ausgewählter Ort, der nicht nur symbolisch die EM-Gastgeberländer Österreich und die Schweiz, sondern auch Deutschland zusammenführte, wenn man also das alles noch einmal abwägt, ist Usedom ein trauriger Knotenpunkt für die Live-Spiele des ZDF von der Euro 2012.

Man kann allerdings hoffen, dass mindestens noch komische Momente geliefert werden vom Ostseestrand. Denn eines sollte man nie unterschätzen: den Humor eines gestrandeten Titanen.