ZDF-Thriller "Dengler - Die schützende Hand" Wenn Terroristen zu Opfern werden

Big Bang Theory: Privatermittler Georg Dengler (Ronald Zehrfeld) legt sich mit dem Staat an, unterstützt von Hackerin Olga Illiescu (Birgit Minichmayr).

(Foto: Julia Terjung/ ZDF)

Der ZDF-Thriller "Dengler - Die schützende Hand" inszeniert den Tod der NSU-Mitglieder Mundlos und Böhnhardt als große Verschwörung. Ein Misstrauensantrag gegen den Rechtsstaat - präsentiert zur Primetime.

Von Annette Ramelsberger

Bringt es irgendwas darauf hinzuweisen, dass man nicht in das Haus eines Rechtsmediziners einbrechen und ihn mit seiner Drogenabhängigkeit erpressen muss, damit er den Obduktionsbericht des NSU-Terroristen Uwe Mundlos herausgibt? Hilft es zu erklären, dass dieser Bericht samt zugehörigem Professor (wenn auch ohne Einstichlöcher in den Armen) im NSU-Prozess vorgestellt wurde? Dass der Rechtsmediziner dort auch alle Fragen plausibel beantwortet hat. Auch die nach dem Ruß in der Lunge von Uwe Mundlos, der nach dem letzten Banküberfall noch ein Feuer legte in seinem Wohnmobil. Und sich danach erschoss.

Nützt es, das alles zu erklären? Nein, es nützt nichts. Es macht nur die schöne Story kaputt.

Der Mythos um den rechtsradikalen Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ist allmählich stärker als die Realität. Krimiautoren und Theatermacher sehen ein lohnendes Sujet, um alle möglichen geheimen Mächte walten zu lassen. Und auch ARD und ZDF spinnen an diesem Mythos kräftig mit. So erscheint es zumindest jemandem, der seit 385 Tagen im NSU-Prozess sitzt, in dem jedes Detail hin und her gewendet wird, jede Frage gestellt und die meisten Antworten gegeben worden sind.

NSU-Prozess Die Wahrheit im NSU-Prozess braucht ihre Zeit
Contra

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Wer all das vor Gericht gehört hat, reagiert zunehmend allergisch, wenn in Filmen mal wieder als ungeklärt und geheim dargestellt wird, was längst geklärt ist. Oder wenn mal eben ein V-Mann des Verfassungsschutzes von dunklen Mächten in die Luft gesprengt wird, der über die Verstrickung des Staates in die NSU-Morde Auskunft geben könnte - wie in der NSU-Trilogie der ARD aus dem vergangenen Jahr. Nur: So einen V-Mann hat es nie gegeben. Er wurde einfach dazu erfunden.

Oder es wird, wie diesen Montag im ZDF-Thriller Dengler - Die schützende Hand (Buch und Regie: Lars Kraume), gleich die ganze Erkenntnislage über das Ende der NSU-Terrorbande als Lug und Trug dargestellt. Da wird dann behauptet, dass Mundlos und Böhnhardt ihren letzten Banküberfall in Eisenach gar nicht begangen haben konnten, weil sie längst gemeuchelt von staatlichen Dunkelmännern in ihrem Wohnmobil lagen.

Wer im Prozess die Zeugen gehört hat, die aussagten, wie ihnen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bei diesem Überfall die Waffe auf den Kopf schlugen, oder den Rentner, der beobachtet hat, wie die zwei Terroristen nach dem Überfall ihre Fluchtfahrräder hastig im Wohnmobil verstauten, ist zunehmend irritiert von der Story. Denn dem ZDF-Film zufolge lagen die beiden doch schon lange ermordet im Wohnmobil. Und der Ermittler Dengler (Ronald Zehrfeld) legt mit einer Fülle von Indizien dar, dass nur das die Wahrheit sein kann.

Der Misstrauensantrag gegen den Rechtsstaat wird als Spielfilm zur Primetime transportiert

Natürlich ist ein Fernsehfilm keine journalistische Dokumentation, sondern Fiction. In diesem Fall ein Krimi, der NSU ist nur der Hintergrund, vor dem die Story spielt. "Faction" heißt das Genre, eine erfundene Geschichte, ganz nah an der historischen Realität, kunstvoll mit ihr verwoben. Im besten Fall ist die Geschichte dann die Essenz der Wahrheit, noch überzeugender, noch besser. So funktioniert das zum Beispiel in der Serie Babylon Berlin, in der sich vor dem Hintergrund der Weimarer Republik ein Krimi entwickelt. Aber dort stimmen die historischen Bezüge. Und Hinzuerfundenes kann man leicht erkennen.

Die Frage bei der Fiktionalisierung des NSU-Themas ist aber: Was ist die Wahrheit? Und wer definiert sie? Und was, wenn nicht nur die Geschichte im Vordergrund erfunden ist, sondern auch der angeblich historische Hintergrund?