Neujahrsmorgen, zuerst fallen Schneeflocken auf dem Parkplatz am Kölner Rheinufer - dann zwei Schüsse. Der Unternehmersohn Thomas Becker sitzt blutverschmiert in seinem roten Porsche. Die ersten drei Minuten von Mord in der Familie - Der Zauberwürfel sind vorbei und der im Titel angekündigte Mord ist eingelöst. Der ZDF-Zweiteiler beginnt dort, wo er auch enden wird - am Tatort. Fast 165 der insgesamt 180 Minuten bleibt offen, wer mit welchem Motiv zur Waffe griff. Die Kriminalgeschichte nach dem Drehbuch der schwedischen Autorin Linda Ung ist durch Perspektivwechsel und Zeitsprünge klug erzählt. Schade ist, dass die Charaktere in dem Familiendrama nicht interessanter sind.
Wie so häufig bei Dynastie-Fernseh-Geschichten gilt auch in der Kölner Familie Becker: Es mangelt nicht an Geld, Immobilien und Anzügen, sondern an Liebe. Sinnbildhaft steht dafür Familienoberhaupt Henry Becker. Das Wichtigste ist dem Patriarchen mit den stets tiefsitzenden Mundwinkeln der Erfolg seines Traditionsunternehmens Becker & Sohn. Anders als es der Unternehmensname vermuten lässt, hat Henry Becker allerdings zwei Söhne. Thomas ist der alkoholsüchtige, unglückliche Kronprinz des Bauunternehmens. Eric, sein Halbbruder, ist aus einer Affäre Henry Beckers mit seiner Sekretärin entstanden. Die Liebe, die Thomas gewiss ist, bleibt Eric verwehrt. Das Trio aus Matthias Köberlin, Lucas Gregorowicz und Heiner Lauterbach überzeugt zwar schauspielerisch, hat aber durch die schablonenhaft anmutenden Charaktere wenig Spielraum zu überraschen.
Petra Schmidt-Schaller spielt glaubhaft eine der wenigen Figuren, die in dem Beziehungsgeflecht nicht erwartbar erscheint
Das Ensemble wird durch die beiden Frauen in Thomas Beckers Leben - Ehefrau und Geliebte - ergänzt. Marianne ist wie ihr Ehemann reich und unglücklich. Macht und Aufgaben hat sie keine. Sie schreitet in bordeauxroten Abendkleidern durch teure Anwesen und mit großen Sonnenbrillen durch die Flure. Einen Gegenpol bildet Thomas' Affäre Karoline, die er bei der Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker kennengelernt hat. Sie hat ebenfalls keine Macht, dafür aber eine Agenda. Sie hangelt sich von einem Servicejob zum nächsten, um für sich und ihren Sohn Jimmy zu sorgen. Petra Schmidt-Schaller spielt glaubhaft die kämpfende, alleinerziehende Mutter Karoline - eine der wenigen Figuren, die in dem Beziehungsgeflecht nicht erwartbar erscheint.
Die ZDF-Produktion ist einerseits eine Familientragödie, andererseits ein Krimi, doch beides geht nicht gleichermaßen auf. Die Erzählung der Abwärtsspirale des recht klischeehaften Familienverbunds wirkt nicht neu und sie wirkt unterkomplex. Als Kriminalgeschichte funktioniert der Zweiteiler dagegen besser. Durch die verschachtelte Erzählweise aus Zeitsprüngen zwischen den Ermittlungen im Anschluss an den Mord und den Wochen zuvor erhält der Zuschauer immer wieder neue Hinweise, um Konflikte auszuloten und die Tatnacht zu rekonstruieren, dadurch bleibt die Frage - Wer hat geschossen? - bis zuletzt offen und bis zuletzt spannend.
"Mord in der Familie - Der Zauberwürfel" , Montag, 27., und Dienstag, 28. Dezember 2021, jeweils um 20.15 Uhr im ZDF und als Vierteiler in der ZDF-Mediathek

