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ZDF:"Ich bereue nichts"

Grassau: HIV-OUTING / Corinne Cichacki

Corinne Cichacki, 23, wurde bei der Geburt mit dem HI-Virus infiziert. Vor vier Jahren outete sie sich in dem Dokumentarfilm Corinnes Geheimnis.

(Foto: Johannes Simon)

Die 23-jährige Corinne, Protagonistin zweier ZDF-Dokumentationen, spricht über das Leben mit HIV und ihr Outing.

Corinne ist 23 Jahre alt und HIV-positiv. Die Mutter hatte sie bei der Geburt infiziert, das Mädchen wuchs bei einer Pflegefamilie in einem oberbayerischen Dorf auf. Die Pflegeeltern trafen damals eine zwiespältige Entscheidung: Bis zum 18. Geburtstag sollte die Tochter niemandem von der Infektion erzählen, zu groß war die Angst vor Ausgrenzung. Gleichzeitig ließen die Eltern zu, dass eine Filmemacherin das Mädchen fast zehn Jahre lang mit der Kamera begleitet. Der Film Corinnes Geheimnis war zugleich ihr Outing, er lief 2015 in Spielfilmlänge auf dem Münchner dok.fest und kurz danach in einer kürzeren Fernsehfassung im ZDF; die Süddeutsche Zeitung begleitete Corinne, ihre Familie und die Filmemacherin Maike Conway vor vier Jahren in den Wochen bis zum Outing. Nun zeigt das ZDF an diesem Dienstag eine Fortsetzung, Ich lebe positiv, der halbstündige Film erzählt von den Jahren nach dem Outing. Ein Gespräch.

SZ: Corinne, wie waren sie denn, die Reaktionen Ihrer Freunde?

Corinne: Im April 2015 kam der Trailer zum Film heraus, den habe ich bei Facebook geteilt und meinen engen Freunden kommentarlos per Whatsapp geschickt. Ich habe dann einen Haufen Nachrichten bekommen. Viele fanden es richtig stark von mir, ich bekam jede Menge interessierte Fragen zu HIV und Aids. Der einzige Vorwurf, der von meinen Freunden kam, war, warum ich es ihnen nicht schon viel früher gesagt habe. Aber bis auf eine Person haben eigentlich alle positiv reagiert.

Und die negative Reaktion?

Viele aus meiner Schule haben sich nach dem Film auf HIV haben testen lassen. Menschen, mit denen ich nicht annähernd in Berührung gekommen bin. Das fand ich ein wenig affig. Andererseits ja aber auch gut, weil das grundsätzlich jeder mal tun sollte. Dann gab es aber noch eine Situation mit einem Typen, mit den ich mal geküsst habe. Der hatte so eine Panik, dass ich ihm eine ärztliche Bestätigung darüber vorlegen musste, dass meine Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt, also keine Ansteckungsgefahr bestand. Keine Ahnung, ob er sich mittlerweile beruhigt hat.

Woher kam denn vorher die Entscheidung zum Schweigen?

Es gab da diesen einen Vorfall in der fünften Klasse, von dem mir meine Eltern erst später erzählt haben: Ich hatte einen kleinen Unfall, bin gegen den Bauzaun gelaufen und hatte eine Platzwunde im Gesicht. Die Mutter eines Klassenkameraden hat mich medizinisch versorgt. An dem Tag sollte mich meine Oma von der Schule abholen. Als sie dann ankam und mich blutend sah, schrie sie aufgelöst: Oh Leute, passt auf, sie hat HIV! Das habe ich selbst gar nicht mitbekommen, weil ich wegen des Unfalls so aufgelöst war. Die besagte Mutter ist zum Direktor gegangen und meinte, ich sei eine Gefahr für ihr Kind und alle anderen. Der Direktor fragte beim Kultusministerium, ob er mich von der Schule schmeißen könne, weil meine Eltern ihm die Krankheit verschwiegen hatten.

Und dann?

Meine Pflegemutter konnte die Mutter beschwichtigen und sie davon überzeugen, dass das mit der HIV-Infektion nicht stimmen würde. Gleichzeitig erklärte das Kultusministerium dem Rektor, dass es bei HIV keine Meldepflicht gibt, sodass ich auf der Schule bleiben konnte. Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass es nur zu meinem Besten war, dicht zu halten.

Mit welcher Begründung hat Sie das Kamerateam dann in der Klasse begleitet? Ich sagte, sie würden eine Doku drehen über Pflegekinder, deren Eltern gestorben sind.

Wie kamen die Produzenten denn auf Sie?

Die Regisseurin hatte den Verein Sonnenstrahl kontaktiert. Der setzt sich für HIV-infizierte Kinder und Erwachsene ein; es gibt viele Freizeit- und Ferienaktivitäten. Damals dachte ich, das sei bloß irgendeine Kindergruppe, mit der wir öfter mal zusammen weggefahren.

Damals waren Sie acht und wussten noch nichts von Ihrer HIV-Infektion. Was dachten Sie, warum Sie gefilmt werden?

Das hat mich als Kind wahrscheinlich nicht so sehr gekümmert. Ich fand es einfach wahnsinnig cool, vor der Kamera stehen zu dürfen. In den ersten Minuten des Filmes geht es ja auch um den Tod meiner Mutter, ich glaube, ich dachte selbst, dass die hier sind, um mein Leben als Pflegekind zu porträtieren. Später sieht man mich, wie ich meine Medikamente zusammenpacke, um bei einer Freundin zu übernachten. Da wusste ich aber auch noch nicht, dass ich HIV-positiv bin, nur, dass ich irgendwie krank bin.

Wann und wie haben Sie dann erfahren, dass Sie HIV-positiv sind?

Meine Pflegeeltern haben mich langsam an das Thema herangeführt. Als ich noch klein war, habe ich meine Mutter gefragt, warum ich immer so viele Medikamente nehmen muss. Da erklärte sie mir, dass ich ein krankes Blut hätte und die Tabletten dafür sorgten, dass es gesund wird. Ich wusste also, dass ich eine Krankheit habe, ich hatte nur keinen Namen dafür. Aber das war okay, weil meine Eltern mir alle Fragen, die ich sonst dazu hatte, immer beantworteten. Als ich dann 13 war, hat sich meine Schule an dem Benefiz-Lauf "Run for Life" beteiligt. Zuhause habe ich meinen Eltern erzählt, dass wir für Kinder in Afrika laufen, die "Aids haben, oder so". Kurz darauf haben wir uns alle an einen Tisch gesetzt und dann haben sie mir alles erzählt.

Was war das für ein Gefühl?

Ehrlich gesagt: Mir war das egal. Es hat sich doch nichts verändert dadurch. Vielleicht war es ganz gut zu wissen, wie die Krankheit, die ich habe, überhaupt heißt, weil ich das dann alles jetzt besser einordnen konnte. Aber es war kein Schock für mich. Abgesehen von den Medikamenten, die ich nehmen muss, und den regelmäßigen Arztbesuchen, führe ich ja auch ein ganz normales Leben.

Wie bewerten Sie rückblickend den ersten Film?

Ich bin froh, dass man mir die Chance gegeben hat, mich auf diesem Weg zu outen. Ich hatte, bis ich 17 war und ein Vertrag mit mir abgeschlossen wurde, immer die Wahl. Ich hätte mich also genauso gut gegen die Ausstrahlung entscheiden können, dann wären neun Jahre Arbeit eben futsch gewesen. Aber das habe ich nie in Erwägung gezogen. Ich bereue nichts, im Gegenteil, ich schaue mir den Film immer noch gerne an.

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