ZDF-Film "Schweigeminute" Eine ungehörige Liebe

Jonas Nay als Schüler Christian und Julia Koschitz als seine Englischlehrerin Stella Petersen kommen sich in "Schweigeminute" heimlich näher.

(Foto: Hannes Hubach/dpa)

Das ZDF verfilmt die Novelle "Schweigeminute" von Siegfried Lenz. Ein großes Fernsehereignis! Das liegt besonders an den beiden Hauptdarstellern.

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Als Marcel Reich-Ranicki im April 2008 den Vorabdruck der Novelle Schweigeminute von Siegfried Lenz in der FAZ mit einem einleitenden Artikel begleitete, mokierte er sich darüber, dass Lenz sich bisher "vor der Darstellung der handgreiflichen Seite der Liebe" herumgedrückt habe. Der damals über 80 Jahre alte Lenz habe sich geweigert, seine Protagonisten "ins Bett zu schicken" und das so erklärt: "Für mich hat das zu wenig Beweisqualität."

Reich-Ranicki kommentierte: "Ich gebe zu, ich wollte meinen Augen nicht trauen. Denn ich kann mich nicht daran erinnern, je einen ähnlich verwegenen Satz über die Sexualität gelesen zu haben, einen Satz, der sich auf verblüffende und, zugegeben, imponierende Weise über die Weltliteratur hinwegsetzt."

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Die Schweigeminute reiht sich in diesem Sinne aber brav wieder in die Weltliteratur ein. Jedoch benötigt der romantische Sex, der an einem spätsommerlichen Ostseestrand stattfindet, auch hier keinerlei Beweisqualität. Denn bewiesen ist diese Liebe zwischen der Englischlehrerin Stella und dem Abiturienten Christian, ihrem Schüler, ja eigentlich schon dadurch, dass es sie überhaupt gibt. Oder etwa nicht?

Lenz siedelt die Geschichte einer fatalen Liebe in einem fiktiven Fischerdorf in den späten Sechzigerjahren an. Die ebenso kluge wie bildstarke Oliver-Berben-Produktion unter der Regie von Thorsten M. Schmidt, die das ZDF daraus gemacht hat, lässt sie noch etwa zehn Jahre früher spielen, was die gesellschaftliche Ächtung der Affäre noch bedrohlicher und das Aufbegehren des Paares gegen die Ächtung noch hilfloser macht. Ansonsten bleibt die Produktion recht texttreu.

Und so setzt auch sie ein mit eben jener Schweigeminute, zu der der Schuldirektor am Sarg der tödlich verunglückten Stella gebeten hat. Christian hatte noch versucht, seine schwerverletzte Geliebte, die bei einem Bootsunglück bewusstlos über Bord gegangen war, vor dem sicheren Ertrinken zu bewahren, doch erlag sie schließlich ihren Verletzungen. Berichtet wird also ausschließlich aus Christians rückblickender Perspektive auf den Sommer seines Lebens.

Manchmal scheitern die Menschen auch an ihrer Wahrheit

Und der Schüler, der die große Liebe verloren glaubt, beginnt während dieser Schweigeminute über das Wesen der Zeit zu reflektieren: "Wenn ein Unglück geschieht oder ein großes Glück, dann vergeht die Zeit anders als sonst. Sie rast, sie bleibt stehen, sie dehnt sich unendlich aus. Nur zurückdrehen lässt sie sich nicht." Allenfalls erinnern.

Julia Koschitz, die Stella, verleiht der Lehrerin eine souveräne Unnahbarkeit, ihr bleibt trotz der eigenen Verliebtheit bewusst, dass ihr Abenteuer sie in eine Situation manövriert hat, die ihr schaden kann. Und während Christian blind an die Unbedingtheit dieser Liebe glaubt, weiß die mondäne Stella doch, dass sie sich vielleicht um einen Irrtum mit ungewissem Ausgang handeln könnte. "Die Menschen können nicht anders,", sagt Stella einmal, "sie handeln, wie sie eben handeln. Weil sie es nicht besser wissen, folgen sie ihrer Wahrheit. Manchmal scheitern sie daran."

Koschitz spielt die Ungewissheit, die diese Figur lebt und aushalten muss, tatsächlich glaubhaft und weit über dem öffentlich-rechtlichen Versende-Niveau. Jonas Nay ist Christian in diesem Drama eines ungehörigen Paares. Er zeigt einen jungen Erwachsenen, zerrissen zwischen Überschwang, Verlangen, Nicht-Verstehen, Enttäuschung und schließlich Trauer. Nay hat jetzt schon das Zeug zum Charakterdarsteller.

Ein intensives Drama. Und den beiden Hauptdarstellern gelingt etwas Seltenes: großes Fernsehen.

Schweigeminute, ZDF, 20.15 Uhr.

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