Neue ZDF-Reihe:Dr. Nicht-So-Nice

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Neiss (Patrick Kalupa) wohnt im Hotel von Janne (Brigitte Zeh). (Foto: Rudolf Wernicke/ZDF)

Obacht, Pilcher-Publikum! Das ZDF versucht, mit der neuen "Herzkino"-Reihe "Dr. Nice" jüngere Zuschauer anzulocken. Warum dieser Zielgruppen-Spagat nur teilweise funktioniert.

Von Johanna Müller

Erinnern Sie sich noch an Dr. Marc Meier, den überheblichen Protagonisten aus der RTL-Serie Doctor's Diary? Das ZDF hat sich wohl erinnert und versucht, in Dr. Nice die sonntagabendliche "Herzkino"-Reihe mit einem eigenen Dr. Marc Meier aufzupeppen. Der funktioniert zwar auch nach dem "Harte Schale, weicher Kern"-Prinzip, ist aber deutlich öffentlich-rechtlich-konformer als das Original.

Dr. Nice heißt eigentlich Dr. Moritz Neiss (Patrick Kalupa) und ist erst mal gar nicht so "nice", wie der Name das vermuten lässt, sondern überheblich und ichbezogen. Seine steile Karriere als Chirurg ist wegen einer Handverletzung zwangspausiert, deshalb will Dr. Neiss auch so schnell wie möglich nach Sydney, wo er von den besten Ärzten behandelt werden kann. Vorher muss er noch einen Zwischenstopp in einem Dorf bei Flensburg einlegen. Dort lebt seine 16-jährige Tochter Lea (Maj Borchardt), von deren Existenz er bis vor Kurzem noch keine Ahnung hatte. Jetzt ist aber Leas Mutter gestorben und ein Notartermin soll klären, ob Dr. Neiss das Sorgerecht für die 16-Jährige bekommt oder doch Charlie (Josefine Preuß), die Lea gemeinsam mit deren Mutter großgezogen hat.

Arzt, arrogant, kommt in eine Kleinstadt? Das ist weniger absehbar, als es klingt

Die Geschichte klingt erst mal vorhersehbar: Arroganter Chirurg erfährt von Teenager-Tochter, will keine Vaterrolle übernehmen, bleibt dann aber doch im Dorf und verliebt sich auch noch. Das meiste passiert dann tatsächlich schon in der 90-minütigen Folge so ähnlich, aber eben nicht ganz genau so. Das könnte daran liegen, dass Dr. Nice Teil der "ZDF für alle"-Strategie ist, mit der der Sender auch ein jüngeres Publikum ansprechen will. (So kam, man erinnere sich, der Influencer auf das Traumschiff.)

Mit der Erwartungshaltung, dass die Story eh jeder kennt, spielt die Produktion von Stefan Raiser dann aber auch - und macht das teilweise richtig gut. Das fängt schon damit an, dass der männliche Protagonist Dr. Neiss keine Liebesbeziehung mit der weiblichen Protagonistin Charlie eingeht, weil die mit Leas verstorbener Mutter in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung gelebt hat.

"ZDF für alle" bedeutet aber nicht nur moderne Familienbilder, sondern hat traditionelle "Herzkino"-Reihen wie "Rosamunde Pilcher" und "Inga Lindström" schon von ihren bisher konkurrenzlosen Plätzen zur Sonntags-Primetime vertrieben. Also, teilweise: "Rosamunde Pilcher" wurde für 2023 reduziert.

"Herzkino" bleibt aber trotz allem immer noch Herzkino, also eine gewollt unaufgeregte Alternative zum Sonntagskrimi. Deshalb ist die Handlung in Dr. Nice teilweise dann doch sehr vorhersehbar und auch die Portion Kitsch und Drama sind unvermeidbar. Es ist aber auch eine Gratwanderung, nicht nur jüngere Zuschauer, sondern auch das alteingesessene Pilcher-Publikum mit der "ZDF für alle"-Strategie zu überzeugen.

Dr. Nice bricht zwar mit einigen Traditionen, ist aber sonst ein klassischer "Herzkino"-Beitrag für alle, die sich bewusst nach seichter Unterhaltung sehnen und dem ZDF unmittelbar bei der Entwicklung zum "Sender für alle" zuschauen wollen. Wobei man sich in diesem Zuge auch mal Gedanken über einen neuen Titel für die Reihe "Herzkino" machen könnte.

Dr. Nice, Sonntag, 20.15 Uhr im ZDF, und 23. April, 20.15 Uhr. Vorab in der Mediathek abrufbar.

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