ZDF-Doku über Rudi Assauer Von der Wut, nicht mehr mithalten zu können

Der große starke Assauer, der coole Hund, der gewiefte Geschäftsmann: alles weg. Ein Jahr lang hat eine Dokumentarfilmerin den ehemaligen Manager begleitet. Ihre Arbeit hat Assauers Alzheimer-Erkrankung erst publik gemacht. Nun zeigt das ZDF die eindringlichen Bilder - und hätte dabei besser auf Musiksoße und Melodramaquark verzichten sollen.

Von Hans Hoff

Man kommt derzeit nicht vorbei am öffentlichen Vergessen Rudi Assauers. Wohin man schaut, wohin man hört, überall ist die Demenz-Erkrankung des einstigen Schalke-Managers im Gespräch. Bild druckte vorab Kapitel aus seinem Erinnerungsbuch, der Stern brachte ein Exklusiv-Interview, bei Reinhold Beckmann in der ARD war Alzheimer plötzlich das Thema der Stunde und auch am Sonntagabend in der Insider-Show Sky 90, ein etwas gehobenerer Stammtisch des Bundesligafußballs, wurde Assauers gedacht.

"Da ist was drin, das nicht rauskommt", sagt Assauer zu Beginn der TV-Dokumentation. Dabei klingt seine Stimme sonor wie immer.

(Foto: dpa)

Ausgelöst hat das Interesse die Ankündigung eines Films der Reihe 37 Grad, für den Stephanie Schmidt Assauer ein Jahr lang mit der Kamera begleitet hat. Eigentlich wollte sie mit ihm eine Dokumentation über Gelsenkirchen drehen, doch dann fiel auf, dass ihr Protagonist eigenartig reagierte. Sie sprach ihn darauf an, und man vereinbarte, ihn mit der Kamera zu begleiten, nach außen hin aber Stillschweigen zu bewahren.

Weil der Rummel so groß wurde, entschied sich das ZDF, den Film, der eigentlich für eine spätere Ausstrahlung vorgesehen war, auf diesen Dienstag vorzuziehen. Natürlich ist es ein sehr berührender Film geworden, weil er den Zuschauer zum Zeugen macht, weil er ihn einbezieht in das Drama, das in Assauer ablaufen muss, das er aber nach außen mit großer Gelassenheit zu tragen scheint. Dabei wirken seine Aussagen ganz anders als seine äußere Haltung. Und es sind gerade diese Aussagen, die den Zuschauer durch den Film führen.

"Da ist was drin, das nicht rauskommt", sagt Assauer zu Beginn. Dabei klingt seine Stimme sonor wie immer. Man könnte ihn nach wie vor für den Macho halten, der er war und auch sein wollte. Aber das, was er sagt, zeigt, dass er das nicht mehr ist. Besonders deutlich wird das, wenn er in seiner Vergangenheit kramt, wenn er berichtet, wie er von Schalke die Kündigung bekam.

"Die Zeit von Assauer ist nicht mehr da", haben nach seinen Erinnerungen die vom Verein gesagt. "War aber nicht so schlimm", schiebt er nach, und in genau dem Moment hört man seiner Stimme an, dass es sehr wohl schlimm gewesen sein muss.

Er soll eine Uhr zeichnen, schafft es aber nicht

Assauers Demenz wird mehrfach eindringlich belegt. Einmal steht er vor einem Foto, auf dem er einen Spieler küsst. Den habe er geholt, sagt er, kann sich aber an den Namen nicht erinnern. "Wie heißt der noch. Ich komme jetzt nicht drauf." Eine andere Szene zeigt ihn bei einer Art Gedächtnistest. Da soll er eine Uhr zeichnen, schafft es aber nicht. Er trägt 20 Uhr dort ein, wo eigentlich die Zwölf steht. "Ne, kriege ich nicht hin", sagt er. Auf die Idee, seine Armbanduhr als Vorlage zu nehmen, kommt er nicht.

Einmal ist Jens Lehmann zu Besuch. "Ich hatte das Gefühl, dass er mich kennt", sagt der Torwart hinterher, sagt aber auch, möglicherweise habe das daran gelegen, dass man seinen Besuch vorher angekündigt habe. "Tja, so ist es", sagt Assauer irgendwann, und auf besondere Weise spricht dieser Satz für den Fatalismus, den er sich bewahrt, der ihn aber nicht immer schützt. Nicht schützt vor der "Wut, die ich habe, weil ich nicht mehr mithalten kann".

Der große starke Assauer, der coole Hund, der gewiefte Manager, alles weg. Sein Freund Werner Hansch, seine Frau, seine Tochter und seine Assistentin erzählen vom Leben mit ihm, davon, wie sie versuchen, ihn zu beschützen, was aber ganz offensichtlich immer schwerer wird.

Pathos und Herbstlaub

Aber da sind auch die unbeschwerten Momente, wenn er Tipp-Kick spielt mit seiner Tochter. Fast ist da so etwas wie Heiterkeit zu spüren. Ob er mal an Selbstmord gedacht habe, will die Interviewerin irgendwann wissen. "Nein", sagt Assauer: "Die paar Jahre, die wir noch haben, die wollen wir auch noch haben."

Man hätte die starken Aussagen und die zugehörigen Bilder einfach so stehen lassen können. Leider verlässt sich die Doku nicht auf ihre eigene Kraft. Immer wieder plärrt die Hintergrundmusik - ein schreckliches elektronisches Geklimpere - in Momenten, die eigentlich der Besinnung gehören sollten.

Wenn sich dann am Schluss die Kamera in einen Baum aufschwingt, und das Bild Assauers zwischen den Herbstblättern verlorengeht, wird in Sachen Pathos und Metapher auch wirklich nichts mehr ausgelassen - und man zeigt dann noch Herbstlaub.

Das ist ärgerlich, weil es den eigentlichen Qualitäten dieses Films nicht gerecht wird. Hätte man sich darauf beschränkt, das Material für sich sprechen zu lassen, ohne Musiksoße und Melodramaquark, wäre der Film Rudi Assauer ebenbürtig. So aber bleibt er hinter dessen aufrechter Haltung zurück.

Rudi Assauer - Ich will mich nicht vergessen