Youtube TV Youtube kills the TV-Star

Die Zukunft des Fernsehens? Youtube TV.

(Foto: Bloomberg)

Youtube will das Fernsehen neu erfinden. Und greift mit seinem neuen Angebot traditionelle Sender und neue Streamingportale gleichermaßen an.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Eines muss man den Verantwortlichen von Youtube lassen: Sie haben einen exquisiten Musikgeschmack und ein außerordentliches Gespür für den richtigen Moment. Zuerst ist auf dem Campus im kalifornischen Playa Vista der Buggles-Klassiker Video Killed the Radio Star zu hören, dann verkündet Chefin Susan Wojcicki ein Fernsehangebot für all jene, die entweder die Schnauze voll haben davon - oder die überhaupt nicht mehr wissen, was das überhaupt sein soll, dieses Fernsehen. Youtube TV soll zum Start in ein paar Monaten eine Alternative zum traditionellen TV und gleichzeitig ein eigenständiges Streamingportal sein. Youtube kills the TV-Star.

Der Konzern Alphabet will es mit Youtube TV offenbar gleich mit drei Mitbewerbern aufnehmen

"Es steht außer Frage, dass sich Millennials für großartige Inhalte begeistern, aber sie wollen sie nicht mehr im gewohnten Umfeld konsumieren", sagte Wojcicki: "Sie sitzen nicht mehr mit der ganzen Familie im Wohnzimmer und warten darauf, dass ihre Lieblingssendung beginnt." Diese Erkenntnis ist nicht neu. "Cord Cutting" nennen sie das in den Vereinigten Staaten, wenn jemand nicht mehr 70 Dollar im Monat für einen Kabelanschluss ausgeben will, bei dem er 280 der angebotenen 300 Kanäle sowieso ignoriert. Die Kabeltrenner schließen günstigere Einzel-Abos für Streamingdienste wie Netflix, Hulu oder Amazon ab oder für die Video-on-Demand-Dienste von Pay-TV-Sendern wie Showtime oder HBO. Bedeutsame Fernsehmomente wie die Panne bei den Oscars am vergangenen Sonntag gab es bereits wenige Minuten später auf dem Youtube-Kanal des übertragenden Senders ABC zu sehen.

35 Dollar pro Monat soll das jederzeit kündbare Angebot kosten, das zunächst nur für den amerikanischen Markt vorgesehen ist. Es soll traditionelle Sender wie ABC, NBC oder Fox enthalten, dazu Kabelangebote wie CW, FX und Syfy, Nachrichten- und Kindersender wie Fox News und Disney junior sowie Live-Sportsendungen von ESPN. Der Pay-TV-Sender Showtime ist gegen zusätzliche Gebühr buchbar, Konkurrent HBO noch nicht. Ebenfalls dabei: die 28 Serien, die Youtube als Eigenproduktionen bislang auf seinem Bezahlportal "Red" anbietet. Es gibt ein paar schöne Zusatzfunktionen wie etwa die gezielte Suche nach Inhalten zu bestimmten Themen oder die Möglichkeit, Live-TV-Inhalte in unbegrenzter Menge neun Monate lang in der Cloud speichern zu können.

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Der Google-Mutterkonzern Alphabet will es mit dieser interessanten, aber auch nicht atemberaubenden Kombination offenbar gleich mit mehreren Konkurrenten aufnehmen: mit den traditionellen Fernsehsendern, die derzeit durchaus begründet fürchten, in der sich rasant wandelnden Medienwelt abgehängt zu werden. Mit den überaus erfolgreichen Streamingportalen, die mit ihren Filmen und Serien zu einer Bedrohung für das Kino made in Hollywood geworden sind. Und mit den anderen Diensten wie Roku, Vue oder Sling TV, die ebenfalls Livefernsehen in Bündeln anbieten. "Wir wollen das Fernsehen neu erfinden", sagt Produktchef Neal Mohan selbstbewusst.

Das Unternehmen macht kein Geheimnis daraus, mit diesem Angebot vor allem Menschen begeistern zu wollen, die den Fernseher nicht mehr einschalten, nur damit der Fernseher läuft. Mit einem Abonnement lassen sich sechs verschiedene Accounts für die ganze Familie einrichten, alle Inhalte (bis auf einige Live-Sportübertragungen) können auf sämtlichen Geräten abgespielt werden.

Ein riesiger Kundenstamm und ein scheinbar unendlicher Fundus an Inhalten

Für die komplette Unterhaltungsbranche geht es derzeit darum, in dem Medienwandel, den die Kunden durch ihr verändertes Konsumverhalten vorantreiben, nicht abgehängt zu werden. Wer erfolgreich sein will, der muss permanent hochwertige Inhalte liefern - vor allem aber muss er alles weglassen, wofür der Kunde nicht bezahlen möchte. Wojcicki sagt: "Die jüngere Generation bekommt die Inhalte, die sie liebt - und die Flexibilität, die sie gewohnt ist."

Der Wettbewerbsvorteil von Alphabet liegt Branchenexperten zufolge darin, dass der Konzern auf einen riesigen Kundenstamm und auf einen scheinbar unendlichen Fundus an Inhalten zugreifen kann - von lustigen Katzenvideos bis hin zu professionell produzierten Serien. Das erfolgreichste Video des vergangenen Jahres, James Cordens "Carpool Karaoke" mit der Sängerin Adele, sahen bis heute mehr als 150 Millionen Zuschauer, jeden Tag sehen die Menschen mehr als eine Milliarde Stunden an Inhalten auf Youtube. "Alphabet will sicherlich nicht an der Seitenlinie stehen und den anderen beim Spielen zusehen", sagt James McQuivey vom Institut für Medienforschung Forrester Research: "Sollten sich Internet- und Mobil-TV durchsetzen, dann wird das Unternehmen eine Rolle dabei spielen wollen."

Youtube TV soll, so ist aus dem Umfeld des Unternehmens zu hören, nach einer Testphase die eierlegende Wollmilchsau der Unterhaltungsbranche werden. Der Mutterkonzern Alphabet möchte künftig außerdem die führende Technologie für das vernetzte Zuhause liefern. Das Fernsehangebot soll deshalb auch per Sprachsteuerung kontrolliert werden können. Das wollten die Youtube-Verantwortlichen nach dem Beweis von Musikgeschmack und Timing auch noch vorstellen. Es klappte aber nicht.

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