Bundeswehr, Bund, Barras. Früher waren das stehende Begriffe in jedem bundesrepublikanischen Haushalt mit männlichem Nachwuchs. Denn es bestand Wehrpflicht, also wurden junge Männer zum Bund eingezogen. So unterschiedlich die Erfahrungen dann dort auch waren, die am Wochenende nach Hause gebrachte Wäsche stank immer gleich. Und sinntriefend war es beim Bund auch nicht durchgehend. So gab es etwa den Haarerlass. Man hatte den Wehrpflichtigen in den Siebzigerjahren für kurze Zeit gestattet, wallendes Haupthaar mit einem Haarnetz zu bändigen, damit es unter dem Stahlhelm wieder geordnet zuging. Sage und schreibe 740 000 Haarnetze in der Farbe Nato-oliv wurden deswegen vom Verteidigungsministerium angeschafft. Es waren andere Zeiten.
Damals war die Bundeswehr aber eben noch keine Freiwilligen-Armee wie heute, und sie war damals viel stärker: 1989 taten fast eine halbe Million (West-)Deutsche ihren Dienst an der Waffe. 2011 wurde die Wehrpflicht ausgesetzt. Und seitdem, tja, schaut kaum noch jemand vorbei. Veränderte Zeiten, veränderte Medien, veränderte Perspektiven: der (männliche wie weibliche) Nachwuchs der Republik wird von der Bundeswehr nun aktiv als künftiger Arbeitnehmer umworben, und das verlangt nach neuen Überzeugungsstrategien. So will der Bund auf allen Kommunikationskanälen und in allen Online-Medien sexy rüberkommen. Dienst etwa heißt jetzt: Karriere.
Dafür gibt es eigene Websites, es gibt einen Job-Bot für diverse Apps, Online-Assessment-Trainer und analoge Plakate in Digital-Camouflage mit markigen Sprüchen wie "Grünzeug ist gut für deine Karriere" oder "Wir kämpfen auch dafür, dass du gegen uns sein kannst". 2015 wurden für die Kampagne "Mach, was wirklich zählt" 10,6 Millionen Euro bewilligt. Die aufwendigen Maßnahmen haben dazu geführt, dass die Bundeswehr auf Platz drei der beliebtesten Arbeitgeber für Schüler rangiert, die Zahl der Abiturienten unter den Bewerbern steigt. Das liegt nicht unwesentlich an den professionell lancierten und äußerst erfolgreichen Videokampagnen, die auf Youtube gelauncht werden.
Nach "Rekruten" 2016 und "Mali" 2017 läuft seit Montag eine dreiwöchige Serie online, die täglich mit einer neuen Folge aufwartet: "Die Springer". Dafür hat die Bundeswehr ein Budget von 2,1 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Die Zugriffszahlen auf die mit knackigen Trailern angekündigten Folgen sind beachtlich.
Der erste der etwa zehnminütigen, jeweils ab 17 Uhr auf dem Kanal "Bundeswehr Exclusive" veröffentlichten Filme über die Ausbildung zum Fallschirmspringer erreichte nach wenigen Stunden schon mehr als 70 000 Abrufe. Das ist angesichts des Themas "Der erste Tag", an dem Rekruten ihre Stube beziehen, (Kleidungs-)Grünzeug empfangen und auf dem Exerzierplatz aus null Höhenmetern mit fiktiven Fallschirmen aus fiktiven Flugzeugen trockenhüpfen, relativ erstaunlich.
Die Bundeswehr weiß um ihr spezielles Dilemma: Stellt sie die Ausbildung als dröhnendes Action-Spektakel dar, wirft man ihr vor, den militärischen Auftrag als Tom-Cruise-Abenteuerspiel zu verniedlichen. Betont sie die generöse Arbeitgeberseite mit Kitaplatz und Home-Office, gilt sie als verlogen. Kommt sie als Hochschulstudium- oder Ausbildungsbetrieb daher, wird ihr das Ausblenden der ungebrochenen Befehl-und-Gehorsam-Struktur vorgehalten. Es kann also viel falschlaufen für die Bundeswehr, auch wenn das alte Armee-Wort "Recruiting" in der Zivilgesellschaft längst ganz anders besetzt ist.
Doch machen die Bundeswehr-Filme über die Fallschirmeleven aus den vielen Nöten eine Tugend: Sie zeigen einfach, was ist. Weder cool noch lässig, weder martialisch noch beschönigend. Es sind Tagesprotokolle von dem, was junge Menschen erwartet. Angereichert von Einzelporträts der Auszubildenden, in denen etwa der Springschüler Tobias von seiner Höhenangst berichtet. Die schönste Floskel im ersten Feature lautet: Das "Anbrüten von wichtigen Handlungsabläufen" sei Gegenstand der Ausbildung. Sinnvoller als Haarnetze sind die Filme der Bundeswehr allemal; die Entscheidung, ob es richtig ist, in die Armee einzutreten, obliegt ohnehin denen, die sie für sich treffen. Nur: Auf Youtube bloß nicht dem von "Bundeswehr Exclusive" genannten Hashtag #Adrenalinrausch folgen! Denn dann landet man beim "Grasbahnrennen Rastede" - bei alten Männer auf knatternden Kisten.