Youtube-Hetzjagd Online-Mobbing bleibt kein Einzelfall

Nur die tragischsten Fälle von Online-Mobbing schaffen es so in die Medien, dass sie reflektiert und erklärt werden, dass sie in Lehrbüchern für Schüler landen. Menschen, die bis in den Tod getrieben werden, durch Kommentare im Netz, wie die fünf britischen Teenager, die in diesem Jahr im Netz auf der Seite ask.fm zum Teil direkt zum Suizid aufgefordert wurden, von irgendwelchen Fremden.

Oder Menschen, die ärztliche Behandlung benötigen. Wie das Teenager-Mädchen, das auf einem Eminem-Konzert unvorsichtigerweise Sex hatte und dabei fotografiert wurde. Die Bilder landeten im Netz, und das Mädchen wurde weltweit von Millionen Nutzern wochenlang im Netz gemobbt: Schlampe, Hure, Nutte. Der Mann, mit dem die junge Frau zugange war, wurde in vielen Foren als Held gefeiert. Immer so, wie die Feindseligen es vorgeben. Die Gruppe folgt.

Aufruf zur Mäßigung

Die Tausenden anderen Fälle sind auch in den Medien, aber ganz anders. Sie finden auf Youtube und Facebook statt, auf Twitter, gutefrage.net und wie sie alle heißen. Auf Foren für Teenager, die kaum ein Erwachsener kennt. Sie alle bleiben unterhalb der Wahrnehmungsgrenze einer kritischen Öffentlichkeit. Dann ist der Hass unerbittlich, Gegenwehr kaum unmöglich.

Gegen die Mechaniken helfe nur Bildung, sagt Scheithauer. "In unserer Intuition fehlen Möglichkeiten, auf die neuen Medien zu reagieren." Immerhin: Aus den bekannten Fällen lernt die Gesellschaft wenigstens ein bisschen. In den jüngsten, großen Hetzjagden im Netz waren stets auch Stimmen zu hören, die zur Mäßigung rieten. Bei der Jagd auf die Bomber von Boston, bei der sich online Tausende als Digitalermittler aufspielten und zahlreiche Unschuldige verdächtigten, mehrten sich schnell Kommentare, die verlangten, man möge der Polizei das Ermitteln überlassen.

Unfreiwillige Netz-Karriere

Im Netz lebt der Junge übrigens weiter, wider Willen. Es gibt und gab auch schon im Herbst 2010 ein paar Kommentare unter dem Video, in denen Menschen schrieben, dass er krank ist, oder wenigstens, dass er krank sein könnte. Ein paar wenige feiern ihn als Held der Internetkultur, eine Kultur, von der niemand weiß, ob sie ihm gefallen würde. Die Geschichte seines Lebens legt nahe, dass er ein anderer Held war. Ein Amateur-Rapper hat einen Song über das Video geschrieben, mit Musikvideo, in dem der Junge als Comicfigur auftaucht, es steht natürlich auf Youtube.

"Das hat mich irgendwie noch mehr kaputt gemacht. Ich kann das bis heute nicht in Worte fassen, das ist einfach nur schockierend", sagt seine Freundin Jessica über den digitalen Mob, sie klingt ratlos.

Schon lange verbreitet sich langsam das Gerücht im Netz, dass der Junge tot sein könnte. Kommentar: "Also in den Himmel kommt er sicherlich nur mit dem Schwerlastkran."

Man wünscht denjenigen, die so schreiben im Netz, dass sie eines Tages zufällig Jessica Blume kennenlernen, im Zug, bei der Arbeit, irgendwo. Und dass sie ihnen erzählt, von ihrem Freund, der viel zu jung gestorben ist, während im Netz Tausende über ihn lachten.