Youtube-Hetzjagd Die Gruppe folgt

"Wenn eine Gruppe im Netz hetzt", sagt Scheithauer, "dann sieht sie das Ernsthafte hinter ihrem Tun nicht. Einzelne machen mit, weil alle mitmachen." Aber alle machen mit, weil sich jeder Einzelne dafür entscheidet. Zu Belohnung, wird man Teil einer Gruppe, auch dann, wenn man alleine vor dem Bildschirm sitzt.

Dabei gibt es durchaus Menschen, die sich gegen den Hass entscheiden, sie klicken weiter, zum nächsten Video, oder schalten den Computer aus. Anders als im Leben jenseits des Netzes, reicht Wegsehen im Digitalen aber nicht aus, um den Hass zu stoppen. "Das Netz verleitet schnell zur Ansicht: Alle sind meiner Meinung", sagt Scheithauer. "Auf der Straße würde man diejenigen sehen, die am Opfer vorbeilaufen, statt draufzuhauen. Online sieht man sie nicht." Es mangelt dann an guten Vorbildern. Schweigen ist zu wenig.

Am 21. September 2010 schreibt der Junge, auf einem sozialen Netzwerk, auf dem er nicht als der Junge aus dem Video zu erkennen ist, dass er nun einen Rollstuhl habe: "nachher gleich in die Stadt *WOHOO". Er kämpft nun an zwei Fronten. Gegen die Krankheit und gegen das Video, das entstanden war, als er mit Freunden, mit denen er sonst Computer spielte, einen Ausflug unternommen hatte.

Die Feindseligen

Sein Vater engagiert Anwälte, die Juristen sorgen dafür, dass das Video aus dem Netz verschwindet. Irgendwelche Menschen sorgen dafür, dass es wieder hochgeladen wird. Das sind die Feindseligen.

"Die Feindseligen bilden die zweite Gruppe neben den Mitläufern", sagt Scheithauer. Es sind Menschen mit verminderter Empathie. Wenn es schlecht läuft, werden sie zu Anführern der Meute. Es läuft oft schlecht im Netz, und die Feindseligen haben oft die Technik auf ihrer Seite. Ein gelöschtes Video ins Netz wieder hochzuladen, ist sehr leicht. Das Video eines anderen im Netz löschen zu lassen, ist sehr schwer.

Ein paar Wochen später nur, es ist noch immer Herbst 2010, schreibt der Junge: "Ich bin bereit." Bereit zu sterben, meint er. Mit 14 Jahren hat er den Kampf verloren, an beiden Fronten.

"Das musste er sich in seinen letzten Wochen alles noch anhören", sagt seine Freundin, die Monate lang zugesehen hat, wie der Junge alles verlernt hat, von Fahrradfahren bis Kopfrechnen, während im Netz der Hass brodelte. "Wie die den fertiggemacht haben." Im November 2010 stirbt der Junge.