"Y: The Last Man" auf Disney Plus:Und wer räumt jetzt auf?

Y: The Last Man

Nur noch Frauen übrig, und jetzt? Ashley Romans (vorne) als beinharte Geheimagentin, die den letzten Mann auf Erden beschützen soll.

(Foto: FX Networks)

In der Comicverfilmung "Y: The Last Man" wurden alle Männer gecancelt. Ist das jetzt feministisch?

Von Nicolas Freund

Krawatten hängen wie Galgen von Geländern, schwarze Lederschuhe stehen wie Grabsteine zwischen Kerzen: In der Comicverfilmung "Y: The Last Man" wurden alle Männer gecancelt. Eine unbekannte Katastrophe hat jedes Lebewesen mit Y-Chromosom blutüberströmt zusammenbrechen lassen. Übriggeblieben sind die Frauen und ein einzelner Mann, der aus unerfindlichen Gründen nicht sterben musste: Yorick Brown, Hobbyzauberer, Träumer und Taugenichts, der jetzt mit seinem dressierten Affen durch die entmannte Welt streift. Hätte schlimmer ausgehen können, das mit dem letzten Mann auf Erden.

Die Macher haben sich entschieden, lieber nichts zu wagen

Milliarden Frauen, ein einzelner Mann und, ja, es muss das Überleben der menschlichen Spezies gesichert werden: "Y" böte Potential für ein spannendes soziologisches Gedankenexperiment. Oder für einen Softporno. Die Macher haben sich aber entschieden, zumindest in den ersten Folgen lieber nichts zu wagen. Die Serie sieht aus, als wäre Archivmaterial von "House of Cards" und "The Walking Dead" zusammengeschnitten worden. Menschen in Anzügen und Uniformen besprechen ernste Dinge in unterirdischen Kommandozentralen, Tarnmuster ist die Farbe der Saison. Es ist sehr wichtig, wer wem was anzuschaffen hat. Alle, die nicht in der Kommandozentrale arbeiten, haben ein schickes, großes Haus irgendwo an der Ostküste. Bei Disney scheint man mit dem Wiedererkennungswert dieser Bilder zu kalkulieren.

Die Figuren dazu wirken so überzeichnet wie das Szenario: Eine schwarze Agentin, die mit Terrormethoden Terroristen bekämpft, eine psychisch labile Sanitäterin, die ein Verhältnis mit ihrem verheirateten Kollegen hat (ja, sie haben Sex im Rettungswagen), eine aufgelöste Stabsmitarbeiterin, die nach dem Tod des Chauvi-Präsidenten nicht mehr richtig gebraucht wird. In den ersten Folgen schafft es die Serie, mit diesem wilden Figuren-Mix alle uninteressanten Fragen zu stellen: Wie hält man den Strom am Laufen? Wer muss aufräumen? Und wo ist eigentlich Yoricks Äffchen?

"Y" degradiert das eigene Szenario zur Kulisse

Gut versteckt wurden die spannenderen Fragen: Berufe wie Ingenieur, Soldat oder Pilot werden hauptsächlich von Männern ausgeübt, warum eigentlich? Was hat dazu geführt, dass alle Männer sterben mussten? Und ist das alles jetzt irgendwie feministisch? Die Serie traut sich aber nicht, der von ihr selbst gestellten Prämisse einer halb entvölkerten, nun von Frauen regierten Welt nachzugehen, sondern verfällt stattdessen in bekannte Erzählmuster der immergleichen (Familien-)Konflikte, aufgelockert mit etwas Slapstick. So verfehlt "Y" die viel zitierten Vorbilder, "House of Cards" und "The Walking Dead", die auch deshalb so gut funktionierten, weil sie ihre Handlung aus der erzählten Welt entwickelten und nicht einfach ein Schema über die schicken Bilder legten. "Y" dagegen degradiert das eigene Szenario zur Kulisse. Warum eine Serie in einer fast rein weiblichen Welt machen, die sich aber in nichts außer der Überzahl an Schauspielerinnen abhebt? Wenigstens das könnte man noch positiv wenden: Vielleicht sind Männer und Frauen ja doch gar nicht so verschieden.

Y: The Last Man, mittwochs neue Folgen, bei Disney+

© SZ/lawe
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