Wulff-Prozess bei "Anne Will" Sehenden Auges in die Blamage gelaufen

Ein starkes Argument konnte Links-Politiker Dehm für seine Sicht der Dinge trotzdem landen: Der Freispruch für Christian Wulff ist für die Staatsanwaltschaft ein herber Gesichtsverlust. Dehms berechtigte Anschlussfrage: Warum liefen die Strafverfolger sehenden Auges in diese Blamage, wenn nicht aus Verbissenheit?

Die Antwort darauf wird vielleicht nie gegeben werden können, und vielleicht ist sie auch weniger wichtig als die Antwort auf eine weitere Frage, der sich die Runde nach dem Schlagabtausch über das staatsanwaltschaftliche (Fehl-)Verhalten zuwandte. Da machte sich Moderatorin Anne Will zum ersten Mal nachhaltig bemerkbar, indem sie sich erkundigte: "Sind die Medien schuld daran, dass Wulff zurücktreten musste?"

Christian Wulff Am Ende quälender Tage
Urteil im Prozess gegen Christian Wulff

Am Ende quälender Tage

Es war das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass sich ein früheres Staatsoberhaupt als Angeklagter vor Gericht verantworten musste. Heute fällt das Urteil gegen Christian Wulff. Alles andere als ein Freispruch wäre eine Überraschung.   Von Annette Ramelsberger, Hannover

Eine Frage, die einen sensiblen Punkt berührt und wie gemacht war für einen der wenigen Nichtjuristen der Runde - den Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen. Und auch der lieferte überraschende Einschätzungen: Die Bild-Zeitung sprach er etwa so gut wie von jeder Schuld in der Causa Wulff frei - das Boulevardblatt habe lediglich seine Aufgaben wahrgenommen und "investigativ recherchiert" in der "gesellschaftlich wichtigen Frage nach der möglichen Korrumpierbarkeit" des Bundespräsidenten. Selten wirkte Bild unschuldiger.

Bestechung mit Minzblättchen

Die 17 Punkte, die sich in der Wulff-Berichterstattung des Blatts im Nachhinein als "Bullshit" (Dehm) herausstellten, bewertete Pörksen ebenfalls auffällig gnädig als "legitime Skandalisierung mit einzelnen Grenzüberschreitungen". Überhaupt sei die Bild-Zeitung nicht als einziges Medium auf den Wulff-Zug aufgesprungen: Die berühmte "Bobbycar"-Anfrage sei schließlich vom Stern gekommen und die verrückteste Geschichte habe die seriöse FT geliefert: Als Christian Wulff vor 30 Jahren Schülersprecher habe werden wollen, hätte er seine Mitschüler mit "After Eight"-Minzblättchen bestochen.

Ein menschlicher Abgrund, wie man ihn sich tiefer kaum vorstellen zu vermag. Spätestens da sei für Wulff eine "toxische Situation" entstanden, so Pörksen. Und für die habe niemand anderes die Hauptverantwortung getragen als der damalige Bundespräsident selbst: "Christian Wulff hat es nicht vermocht, Deutungshoheit zu gewinnen." Der Ex-Bundespräsident habe versucht, die angestoßene Debatte über seine Person zu kontrollieren und habe dadurch alles nur noch schlimmer gemacht.

So kann man das sehen, und dass Wulff Fehler gemacht hat, will am Schluss nicht einmal Diether Dehm bestreiten. Doch dann stellt der Linken-Politiker auch an diesem heiklen Punkt eine berechtigte Frage: Muss einer gehen, nur weil er in einer Affäre ein schlechtes Bild abgibt, ihm aber strafrechtlich nichts vorzuwerfen ist?

Damit wären wir bei einer Werte-Diskussion, für die die Talkshows im deutschen Fernsehen vielleicht erst bereit sein werden, wenn sich die Gemüter im Fall Wulff nach Abschluss des Verfahrens weiter abgekühlt haben. Doch schon einmal juristische und mediale Aspekte dieses Falls einigermaßen sachlich beleuchtet zu haben, hat auf dem Weg dahin immerhin geholfen. Die Sender können schon mal anfangen, sich nach Talkshow-geeigneten Philosophen und Ethikern umzusehen.