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Wozu noch Journalismus?:Gesamtbild aus vielen Facetten

Die Redaktion von sueddeutsche.de hat in den vergangenen 26 Wochen die Essay-Reihe "Wozu noch Journalismus?" veröffentlicht, weil sie genug von Fragen hat und auf Antworten wartet. Der ökonomische Negativtrend ist kein Naturgesetz, sondern vermutlich auch Folge von Unterlassungssünden. Wer wäre also besser geeignet, Ideen zur Belebung der Branche beizutragen und Fehltritte anzuprangern als die Macher selbst? Es ging darum, ein Forum zu schaffen für Experten und Expertisen, für Beteiligte aus ganz verschiedenen Positionen.

Wozu noch Journalismus?

Generationenwechsel: Journalismus bewegt sich vom Papier auf den Bildschirm.

(Foto: dpa, ddp, Grafik: sueddeutsche.de)

So schreiben Medienwissenschaftler, Presse-Journalisten, Fernsehmoderatoren, Publizisten, Verlagsmanager und Berater über die Krise und ihre Folgen. Aus den vielen Einzelwahrnehmungen ergibt sich ein Gesamtbild. Das ist noch keine Lösung des Problems, wohl aber ein Anreiz, das ein oder andere zu versuchen, sich nicht resignativ einem Niedergang zu ergeben.

Wenn es eine Gemeinsamkeit der Beiträge gibt, dann ist es das Wissen darüber, dass Journalismus nicht einfach nur Umsatz und Gewinn bedeutet, dass die Suche nach Wahrheit mehr ist als eine Ware, und dass es sich lohnt, unabhängig von merkantilen Interessen zu kämpfen. Die Zeiten der einfachen Automatismen sind jedenfalls vorbei. Also die Zeiten, in denen beispielsweise mit dem ersten Hausstand ein Zeitungsabonnement eingerichtet wurde, das dann ein Leben lang hielt und an die Nachkommen weitergegeben wurde. Oder in denen die Werbeindustrie ohne viele Fragen Anzeigen und Spots bestellte, weil es schlicht an Auswahl fehlte. Zeiten, in denen passgenau Journale für ermittelte Zielgruppen entstehen konnten - ganz so, wie unter Marken wie Persil neue Waschmittel auf den Markt geworfen werden.

Spontane Events statt Rituale

Journalismus hat es derzeit mit sehr viel Wandel auf einmal zu tun - und das wird noch einige Zeit andauern. Da sind die Konsumenten, für die Rituale nicht mehr zählen, sondern spontane Events. Da ist die Neigung jüngerer Menschen, sich online zu informieren, sei es am PC oder mit dem Smartphone. Da sind die Werbekunden, die mit dem Publikum mitgehen und sich am liebsten ihre eigenen Medien schaffen wollen. Und schließlich bietet die Industrie in immer kürzeren Abständen neue Geräte wie beispielsweise das iPad für den Medienkonsum.

Das, was jahrzehntelang getrennt war, wächst im Internet zwangsläufig zusammen. Jahrzehntelang beschäftigten sich Journalisten entweder mit Wort oder mit Ton oder Bild, online aber vermischen sich die hergebrachten Gattungen Presse, Radio und Fernsehen. Und damit besteht die Chance, eines neuen, aufregenden Journalismus. Auch das zeigt das Buch Wozu Journalismus?: Dass zwar viel von Konvergenz geredet wird, aber dass das Verständnis darüber, was das denn konkret bedeutet, welche Regeln gelten, erst schwach ausgebildet ist.

Für die Menschen sind die neuen Entwicklungen fürs Erste weniger schlimm als für die Macher. Das Internet schafft so etwas wie einen vollkommenen Markt, mit einer großen Weite an Information, die für sie (derzeit noch) kostenlos ist. Es lassen sich nicht nur mit wenigen Klick-Vorgängen die journalistischen Leistungen vieler Redaktionen vergleichen, es kommen auch die Möglichkeiten hinzu, sich selbst zu beteiligen und einzubringen, in Foren, Kommentaren und Blogs.

Das alles schafft einen neuen, interaktiven Pluralismus, der allerdings gelegentlich mit Vorsicht zu genießen ist. Denn was heißt das für die Meinungsbildung in einer Gesellschaft? Was bedeutet das für all diejenigen, die sich als "Vierte Gewalt" bezeichnen?

So sehr der Beruf des Journalismus einem fundamentalen Wandel unterliegt, so gravierend wirkt sich diese Entwicklung auch auf das journalistische Selbstbild und somit unsere gesamte Informationskultur aus: Mit Verschwinden des alten Geschäftsmodells schwindet nicht nur die existentielle Sicherheit, sondern auch das journalistische Gewissen, das redaktionelle Profile und Arbeitsprozesse bislang prägte.

Journalisten müssen künftig nicht nur für ihr Publikum arbeiten, sondern mit ihm in einen unablässigen Dialog treten. Journalismus wird nicht mehr als Produkt, sondern als steter Prozess verstanden, der seine Funktionen und Rollen noch deutlicher inmitten der Gesellschaft verortet. Dies betont seinen gemeinnützigen Charakter und stuft ihn als förderungswürdig ein - auch und besonders durch zivilgesellschaftliche Träger und Einrichtungen, etwa Stiftungen, die journalistische Projekte gezielt fördern.

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