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Wozu noch Journalismus? (2):Für und wider Brandts Ostpolitik

Wenn erst mal die Lobbyisten, gleich welcher Couleur, die Macht über die veröffentlichte Meinung gewinnen - egal, ob in Zeitung, Zeitschrift, Radio, Fernsehen oder über zielgerichtete Webseiten -, dann ist der Indoktrination Tür und Tor geöffnet. Mit all den unübersehbaren Folgen für das freie Wort und das unabhängige Urteil.

Dabei sollten die Kolleginnen und Kollegen ruhig mal die ihnen nur zu gern zugewiesene Rolle als "Merker" verlassen, das heißt, es nicht allein beim Abmalen der Wirklichkeit belassen und lieber mal als "Täter" Einfluss zu nehmen suchen.

Hier Sozialismus, dort Kapitalismus

Mir sei an dieser Stelle ein Zwischenruf erlaubt, der meiner Vergangenheit geschuldet ist: Bis in die 1980er Jahre hinein war die journalistische Täterschaft durchaus üblich. Ja, sie war sogar sehr erfolgreich. Da kämpften beispielsweise Stern, Spiegel, Zeit, Süddeutsche oder Frankfurter Rundschau für eine liberalere, eine offenere Welt. Sie wollten den autoritären Stil der Adenauer-Jahre hinter sich lassen, den wiederum Bild, Welt, Quick, Bunte oder FAZ mit Inbrunst zu verteidigen suchten.

Das Ergebnis war eine heftige, öffentliche Auseinandersetzung, aber eben auch fruchtbarer Streit. So sorgte beispielsweise das Für oder Wider zur Ostpolitik von Willy Brandt und Walter Scheel dafür, dass am Ende beide Lager, das sozialliberale wie das konservative, davon zu profitieren wussten und die Fronten - hier Sozialismus, dort Kapitalismus - langsam aber sicher erodierten.

Haltung, Passion, Vision

Den Streit ausgetragen und zu einem positiven Ende (Wiedervereinigung) geführt zu haben, war aber nicht allein das Verdienst einiger Politiker, wie Brandt oder Hans-Dietrich Genscher, Helmut Schmidt oder Helmut Kohl, sondern es waren auch große Journalisten-Verleger wie Rudolf Augstein, Henri Nannen, Marion Gräfin Dönhoff, Werner Friedmann und Karl Gerold links der Mitte, sowie Axel Springer, Peter Boenisch, Paul-Wilhelm Wenger, Herbert Kremp, Hans Habe, Hans Zehrer, Karl Ludwig Fromme, Wilfried Hertz-Eichenrode rechts davon. Beide Lager brillierten durch Haltung, Passion und Vision.

Die sich daraus entwickelnden Schlachten faszinierten die Leser. Sie bescherten den Lesern interessante Geschichten und den Verlagen Aufmerksamkeit, Anerkennung und damit wirtschaftlichen Erfolg. Der Kampf der Argumente beflügelte die Leidenschaft der Redakteure, er steigerte die Auflagen und animierte sogar die Anzeigenkunden.

Der Journalismus lebte und es wäre niemandem eingefallen, den eigenen Untergang zu prophezeien, obwohl sich auch damals mit dem Start des Privatfernsehens und seinen unendlichen Kanälen eine neue Macht am Medienhimmel etablierte und große Teile des Werbekuchens okkupierte. Und bitte sage jetzt keiner, es gäbe die großen, streitigen Themen heute nicht mehr. Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan oder radikale Schlussfolgerungen aus der Finanzkrise sind nur zwei Themen, die sich vorzüglich für heftigste Auseinandersetzungen eigneten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Journalismus zu neuer Blüte kommen kann.

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