"Woyzeck" auf Arte Verzweifelt im Versuchslabor

Regisseur Nuran David Calis verlagert Georg Büchners Drama "Woyzeck" für Arte in einen Berliner Kiez. Dort lebt die Hauptfigur als Deutscher in der Minderheit. Tom Schilling spielt sie großartig.

Von Renate Meinhof

Es könnte der Wedding sein, oder Neukölln. Ein Stadtteil jedenfalls, in dem Türken und Araber in der Mehrheit sind. Ein Kiez, in den die Polizei sich längst nicht mehr hineintraut. Eine gesetzlose Zone, Ein-Euro-Shops und heruntergekommene Straßenzüge, aufgeteilt zwischen Gangs aus aller Herren Länder. Für Dramen ein geeignetes Pflaster.

Für Dramen, wie "Woyzeck" eines ist. Mit dem gleichnamigen Film nach Georg Büchners Fragment setzen Arte und 3sat ihre Reihe der Theaterfilme fort. Der Regisseur Nuran David Calis - er ist türkisch-armenisch-jüdischer Abstammung - versetzt das Geschehen also nach Berlin.

Woyzeck schuftet in den Schächten der U-Bahn, wo er nachts, wenn die Züge nicht rollen, den Dreck aufsammelt und nebenbei Ratten und Mäuse erschlägt. Tagsüber schneidet er Gemüse in einem Restaurant, das einem gottesfürchtigen Muslimen gehört. Früher war er der Besitzer, er, Woyzeck, aber: "Wer isst hier schon Schnitzel? Alles isst hier Kebap!" Um etwas mehr Geld zu verdienen, stellt er sich für eine zweifelhafte medizinische Studie zur Verfügung, schluckt Pillen, die ihn impotent machen, ihn halluzinieren lassen.

Völliges Scheitern und Zerbrechen

Einzig die Liebe zu Marie, kühl gespielt von Nora von Waldstätten, und dem gemeinsamen Kind ist Woyzecks Halt. Aber Marie kann den Avancen des Tambourmajors nicht widerstehen. In Calis' Film ist der Tambourmajor eine Kiez-Größe, reich geworden durch Zuhälterei, ein Zugewanderter, dunkel, gut aussehend, gestylt und mit tollem Wagen. Woyzeck hingegen wird durch die Schufterei unter der Erde, die Pillen-Tortur, die sein Körper durchleidet, von Tag zu Tag grauer. Und er spürt Maries Verrat. Am letzten Tag des Pillenschluckens und nach der großen Lohnauszahlung wird er zum Täter.

Eine elendere Figur als den "Woyzeck" hatte es bis zu Büchners Dramenfragment auf der Bühne nicht gegeben. Am 8. November 1913 war die Uraufführung am Münchner Residenztheater. Dass der Woyzeck des Films einem hundert Jahre später so bedrückend nahe kommt in seinem völligen Scheitern und Zerbrechen, liegt vor allem an der großartigen Leistung Tom Schillings, der in seiner Fragilität und somnambulen Bewegungsweise genau das Maß findet, das es braucht, um ständig zwischen Wahn und Normalität zu balancieren.

Es liegt aber auch daran, dass Regisseur Calis sich äußerlich auf einen Boden wagt, der mit Vorurteilen und Ängsten nur so übersät ist. Calis provoziert bewusst, aber er tut dies, ohne zu werten. Denn in seinem "Woyzeck" geht es auch um die deutsche Identität. Franz Woyzeck ist im Wedding oder in Neukölln als "der Deutsche" in der Minderheit. Christlich-abendländische Werte, Gesetze der Demokratie gelten nicht in dieser Welt. Mächtige Männer mit Migrationshintergrund haben ihren eigenen Wertekanon, und sie haben das Sagen: über die Frauen, das Geld, über sozialen Aufstieg und Fall eines Jeden im Viertel, ja, letztlich über Leben und Tod. Wer sich nicht anpasst, geht unter.

Beide Welten krachen in diesem sehr sehenswerten Woyzeck-Film ständig aneinander, reiben sich, suchen wieder den Abstand. Von Integration kann keine Rede sein. Und Ausbruch? Ausbrechen ist nicht möglich. Landschaft, See und Stille bleiben Traumbild. Büchners Soldatenmilieu scheint am Ende nur durch tonlose Fernsehbilder im Versuchslabor des Doktors auf, der an Kaltblütigkeit kaum zu überbieten ist. Da werden im Hintergrund die Särge deutscher Soldaten in ein Flugzeug verladen. Gefallen in der Fremde fürs Vaterland. Aber was ist Fremde? Und was: das Vaterland?

Woyzeck, Arte, Montag, 14. Oktober, 22.40 Uhr; 3sat, Samstag, 19. Oktober, 22 Uhr.