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World Press Photo Award:Die Kraft des friedlichen Protests

Mit seinem Bild eines rezitierenden Sudanesen gewinnt Yasuyoshi Chiba den Preis für das Pressefoto 2020.

Von Florian Sturm

Kein Licht brennt in diesem Wohnviertel von Khartum. Mal wieder ist in Sudans Hauptstadt der Strom ausgefallen. Doch die Bevölkerung protestiert trotzdem gegen die Militärregierung, die nach dem Sturz des langjährigen Staatspräsidenten Omar al-Bashir die Macht übernommen hat. Die Sudanesen wollen, dass eine zivile Regierung die Geschicke ihres Landes leitet. "Ich ging mit ein paar Kollegen zu einem Treffen von Oppositionellen. Es war stockfinster. Plötzlich fingen die Leute an zu klatschen und 'Thawra', das arabische Wort für 'Revolution', zu rufen", sagt der Fotojournalist Yasuyoshi Chiba. Mit ihren Handys hätten sie einen jungen Mann angeleuchtet, der ein bekanntes Protestgedicht rezitierte. "Ich war völlig fasziniert von seiner Mimik und Stimme."

Der Japaner, der seit 2011 für Agence France-Presse fotografiert, war das erste Mal für einen Auftrag im Sudan, um dort die Protestbewegungen zu dokumentieren. Für sein Bild "Straight Voice" wurde er nun von der World Press Photo Foundation mit der Auszeichnung für das beste Pressefoto des Jahres 2020 geehrt. Chiba hat mit demselben Bild auch in der Kategorie "General News - Singles" gewonnen. Vor allem in einer vielerorts durch Gewalt und Konflikte geprägten Zeit seien solch inspirierende Bilder wichtig, sagt der Juryvorsitzende Lekgetho Makola zum Siegerfoto: "Wir sehen diesen jungen Menschen, der nicht schießt, keine Steine wirft - sondern ein Gedicht aufsagt."

Das Pressefoto des Jahres wird seit 1955 jährlich von der gemeinnützigen Stiftung World Press Photo Foundation ausgelobt und gilt als weltweit wichtigster Preis im Fotojournalismus. In diesem Jahr sandten 4282 Fotografen aus 125 Ländern insgesamt 73 996 Bilder ein. Zum fünften Mal und erstmals seit 1978 geht der Hauptpreis nach Japan.

Seit vergangenem Jahr gibt es einen zweiten, ebenfalls mit 10 000 US-Dollar dotierten Hauptpreis, ausgelobt für die beste Fotostrecke des Jahres. Diese Auszeichnung geht 2020 an den Franzosen Romain Laurendeau für seine Langzeitbeobachtung ("Kho, the Genesis of a Revolt") der seit Jahrzehnten größten Protestbewegung in Algerien. "Es war unmöglich, dass ich mich nicht teilweise selbst in diesen jungen Leuten wiedererkannt habe. Sie sind jung, aber die aktuelle Situation trotzdem leid. Sie wollen einfach nur leben wie andere Menschen auch", sagt Laurendeau über seine Serie.

Der Wettbewerb, dem jahrelang der Vorwurf gemacht wurde, vor allem spektakuläre Bilder zu prämieren, legt inzwischen Wert auf eine andere Bildsprache. Das Siegerfoto in der Kategorie "Contemporary Issues - Singles", das der in Deutschland lebende russische Fotograf Nikita Teryoshin auf einer Waffenmesse in Abu Dhabi machte, gleicht beinahe einem Fine-Art-Foto. Auch sonst gibt es kaum sensationslüsterne Motive unter den prämierten Arbeiten. In der Kategorie "Einzelfotografie Umwelt" wurde das Foto "Polar Bear and her Cub" von Esther Horwath mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Es zeigt eine Eisbärenmutter und ihr Junges, die auf einer Eisscholle Flaggen und Ausrüstung neben einem Schiff betrachten.

Unter den Preisträgern sind auch zwei deutsche Fotografen. Der Dortmunder Fotografiestudent Maximilian Mann bekam für seine Serie "Fading Flamingos" über den austrocknenden Urmia-Salzsee im Iran den zweiten Preis in der Kategorie "Fotoserie Umwelt". Oliver Weiken, seit 2017 Dpa-Fotograf in Kairo, belegte den dritten Rang in der Kategorie "Fotoserie Spot News" mit einer Strecke über einen Terroranschlag in Ägyptens Hauptstadt.

© SZ vom 18.04.2020
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