bedeckt München 26°

Putin in der "Zeit":Heuler

Präsident Wladimir Putin

Schreibt nun für die "Zeit": der russische Präsident Wladimir Putin.

(Foto: Patrick Semansky/dpa)

Der russische Präsident veröffentlicht einen Gastbeitrag in der "Zeit". Was fehlt, ist ein Warnhinweis.

Von Nils Minkmar

Am 11.September 2013 beschäftigte die New York Times einen besonderen Autor: Wladimir Putin schrieb einen Artikel, in dem er seine Sicht auf den Syrienkonflikt schilderte und die USA davor warnte, dort militärisch einzugreifen. Daran hat sich die Obama-Administration übrigens gehalten, sie ließ dem Terrorregime Assads beim Massaker der eigenen Landsleute freie Hand und trug so dazu bei, dass sich Millionen von Flüchtlingen auf den Weg nach Europa machten, was wiederum die von Putin unterstützten rechten Parteien beförderte. Putin konnte sich freuen.

Aber der Artikel ist noch wegen einer anderen Passage interessant: Putin warnt Obama und die Amerikaner davor, sich für "etwas Besonderes" zu halten. Tatsächlich versanken die Vereinigten Staaten wenige Jahre später im von Putin unterstützten Trump-Wahnsinn, niemand auf der Welt konnte da noch etwas vom guten alten amerikanischen Idealismus erkennen.

Ob die Ghostwriter des Präsidenten wetteten, ob die "Zeit" diesen Satz wirklich veröffentlicht?

Putin-Artikel sind also nicht ohne. Dass nun die Zeit einen Gastbeitrag des russischen Präsidenten aus Anlass des achtzigsten Jahrestags des Überfalls auf die Sowjetunion bringt, ist einerseits verständlich - kaum eine Zeitung würde so etwas einfach ablehnen. Andererseits gilt auch und gerade für Putin, der als Feind von Menschenrechten und Meinungsfreiheit ausgewiesen ist, der Grundsatz, dass es zwar auch für die Feinde der Freiheit freie Mikrofone geben darf: Aber die Gegenrede müssen sie schon aushalten. Mehr noch: Eine offene Gesellschaft muss sich zu verteidigen wissen, und in diesem Fall bedeutet es, den Leserinnen und Lesern mitzuteilen, dass sie hier keinen gewohnt hochwertigen Artikel, sondern krasse Propaganda vor sich haben. Das spricht nicht gegen den Dialog, etwa gegen ein Interview mit Putin. Roger Willemsen interviewte mal einen verurteilten Kannibalen und fragte, wie es geschmeckt habe. Aber bei einem Text gibt es eine Sorgfaltspflicht, wie sie auch für andere Produkte gilt, und zu so einem Artikel gehört in diesem Fall der Warnhinweis, das hier lupenreine Propaganda enthalten ist.

Das gilt vor allem für die Passage, in der Putin den USA und der Europäischen Union vorwirft, die "Krim zum Austritt aus dem ukrainischen Staat provoziert zu haben". Das ist selbst für Putins Verhältnisse ein Heuler. Man stellt sich die gute Laune in der Kreml-Schreibstube vor, wo sich die Ghostwriter des Präsidenten diese Passage vorlesen und wetten, ob die Zeit diesen Satz - eine groteske Verdrehung der Fakten - wohl wirklich veröffentlicht.

Wladimir Putin ist kein gewöhnlicher Politiker, der in Reden und Symposien seine Ansichten zur illiberalen Demokratie und zum souveränen Nationalstaat ausbreitet, sondern ein antidemokratischer Aktivist, dessen Biografie den Untertitel "Leichen pflastern seinen Weg" tragen sollte. Die Zeit der Kooperation und Kommunikation zwischen Russland und Europa die er in dem Artikel beschreibt, wird kommen, wenn er nicht mehr im Amt ist.

© SZ/gor
Zur SZ-Startseite

Treffen in Berlin
:Was bei der Libyen-Konferenz erreicht werden soll

Bei der Libyen-Konferenz prallen die Interessen von Türken, Arabern, Russen, Amerikanern und Europäern aufeinander. Deutschland kommt eine besondere Rolle zu.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB