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Wissensmagazin:Wenn Autos fliegen könnten

Mehr Dinge von morgen? P.M.-Oktoberausgabe mit Einstein.

(Foto: P.M.)

"P.M." wurde in den Siebzigerjahren von Peter Moosleitner gegründet und traf mit Themen aus Wissen und Forschung einen Nerv der Zeit. Jetzt ist es erneuert - und bestaunt weiter die Zukunft. Aber genügt das?

Von Kathrin Zinkant

Als im vergangenen Sommer der Chefredakteur und Herausgeber des P.M.-Magazins, Hans-Hermann Sprado, völlig unerwartet starb, erinnerten sich die Kollegen in den Nachrufen an einen feinen Journalisten, der ohne Vorbehalte wirklich jeden und alles interessant gefunden habe. Man muss daran denken, wenn man sich jetzt über die renovierte und - und laut Pressemitteilung von Gruner + Jahr - auch inhaltlich neu ausgerichtete Oktober-Ausgabe von P.M. anschaut.

Sie trägt den Claim "Neugierig auf morgen" auf dem Titel, statt, wie zuvor, "Mehr wissen - Mehr verstehen". Die Welt sei voller Zukunftsversprechen, erklärt Sprados Nachfolger Florian Gless im Editorial. Seine Generation werde noch erleben, wie die Menschheit ihren Fuß auf den Mars setzt. Das Smartphone, einst eine Fiktion aus Raumschiff Enterprise, beherrsche die Gegenwart. Mehr Zukunftstechnologie, mehr Forschung an den Dingen von morgen wolle P.M. jetzt bieten. Ganz im Geiste des legendären Gründers des Magazins, Peter Moosleitner, der mit seinem Erklärheft in den Achtzigern tatsächlich einen Nerv der Zeit getroffen hatte.

Das ist lange her. Wissen und Forschung sind keine exklusiven Interessen mehr, sie sind fundamentale Themen der Gesellschaft geworden. Bei P.M. hat man das verkannt, und tatsächlich markierte Sprados viel zu frühes Lebensende auch das Ende einer Ära, in der Interesse an jedem und allem das Magazin beherrschte. Esoterisch angehauchte Themen wie die Vorherbestimmung des Schicksals oder das Wesen der Astrologie, auch das wurde im Magazin wie Wissenschaft behandelt. Eine inhaltliche Wende war überfällig, wurde mehrfach angestrebt. Aber findet im Magazin nun wirklich die Zukunft statt?

Der Titel der neuen Ausgabe lässt davon wenig erkennen. Er widmet sich Albert Einstein, also vor allem der Vergangenheit, und kündigt dazu wenig zukunftsfähige Technologien wie verpflanzte Menschenköpfe und fliegende Autos an. Das ist schade, denn das Magazin bietet interessante Geschichten. So berichtet es über den Kampf eines Amphibienforschers gegen den Saatgutriesen Syngenta. Und befasst sich mit der Frage, wie man archäologische Funde vor dem IS-Terror retten könnte. Auf dem Cover wollte man sich mit solch wichtigen Themen aber wohl nicht brüsten.

Das P.M.-Magazin, das einst "Peter Moosleitners interessantes Magazin" gerufen wurde, heißt jetzt nur noch P.M. Es hat sich über die Jahrzehnte wacker geschlagen, trotz dramatisch sinkender Auflagen, derzeit verkauft P.M. 182 000 Exemplare. Nun steht mit der neuen Ausgabe auch die Frage im Raum, ob der staunende Blick auf unwahrscheinliche Zukunftsszenarien ausreicht, um dem Thema Wissen heute gerecht zu werden. Wer neugierig auf morgen ist, muss vor allem das Jetzt kritisch hinterfragen.

© SZ vom 14.09.2015
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