"Wir sind alle Astronauten" auf Arte Die Einsamkeit der Großstädter

Gestrandet: Ein Astronaut (Michael Pitt) notlandet auf dem Dach von Frau Hamida (Tassadit Mandi).

(Foto: La Camera Deluxe)
  • Wir sind alle Astronauten portraitiert drei Menschen, die allein in einer französischen Betonsiedlung leben.
  • Der Film zeigt auf liebevolle Art den Mangel an Gesellschaft und Liebe und beweist am Ende, dass gemeinsam doch besser als einsam ist.
  • Das sozialrealistische Drama von Samuel Benchetrit läuft am Montagabend auf Arte.
Von Carolin Werthmann

Da steht es, dieses Hochhaus inmitten einer französischen Betonsiedlung der Banlieue, grau und marode seine Fassade und das Innenleben ebenso: Der Fahrstuhl ist kurz vor dem Verfall, die Mieter bestehen auf Reparatur. An den Kosten will sich Sterkowitz aus dem ersten Stock aber nicht beteiligen. Er benutze den Fahrstuhl schließlich nie, nehme immer die Treppe, sagt er seinen Nachbarn kleinlaut auf der Mietervollversammlung und erntet strafende Blicke. Sterkowitz muss zwar nicht zahlen, nur darf er den Fahrstuhl fortan nicht benutzen. Kein Problem, glaubt er, doch landet er wenige Tage später nach einem Unfall vorübergehend im Rollstuhl.

Die Absurdität dieser Anfangsszene von Wir sind alle Astronauten ist beispielhaft für das, was Regisseur Samuel Benchetrit im weiteren Verlauf seines Filmes bietet. Sterkowitz, gespielt von Gustave Kervern, ist einer der Bewohner dieses Hochhauses, deren Alltag Benchetrit porträtiert, ohne sich dabei zu sehr in ihrer Tristesse zu verlieren.

Aus den Augen der Türme

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Wie die Fassade und der Fahrstuhl ist auch Sterkowitz zermürbt: geschätzt Ende vierzig, gefühlt Mitte sechzig, übergewichtig, mit schütterem Haar aus hauchdünnen Wölkchen, die dringend gewaschen werden müssten. Er spricht nicht viel, mit wem auch, außer ihm ist da nur der Fernseher und der Kühlschrank, darin ein Apfel und abgelaufener Schinken. Im Haus wohnt auch Charly (Jules Benchetrit), ein Teenager, der morgens aufsteht und abends ins Bett geht, ohne seine Mutter ein einziges Mal zu sehen. Umso mehr sucht er die Nähe seiner Nachbarin, einer Schauspielerin, deren Glanzjahre im Filmgeschäft längst Geschichte sind, das Gegenteil von Isabelle Huppert, die diese spielt. Ein paar Etagen darüber haust Frau Hamida (Tassadit Mandi). Ihr Sohn sitzt im Knast, sie selbst vor dem Fernseher, glücklich damit, den ganzen Tag amerikanische Sitcoms zu gucken.

Sie alle verbindet ein Alltag, der der Routine Alleinlebender in einfachsten Verhältnissen folgt. Bedrückend ist das in Szenen, in denen Benchetrit seine Figuren in streng statischen Totalen einsam und klein in ihren Wohnungen zeigt, umgeben von dunklen Tapeten und ranzigen Möbeln, eingebettet in ein Leben, das ihnen und den Zuschauern ihren Mangel vorführt: Mangel an Gesellschaft. Mangel an Liebe.

Doch Benchetrit begnügt sich nicht damit, ein sozialrealistisches Drama zu inszenieren und sich an der Einsamkeit seiner Antihelden zu laben. Im Gegenteil, die Geschichten durchzieht eine Komik, die in dem Moment ihren Höhepunkt erreicht, als ein Astronaut der Nasa auf dem Dach des Hochhauses notlandet und bei Frau Hamida Unterschlupf findet. John McKenzie, so der Name des von Michael Pitt verkörperten Astronauten, versteht weder die aus Algerien stammende Französin Hamida, noch versteht sie den Amerikaner. Irgendwie werden die beiden trotzdem Freunde. Was erst einmal plump klingen mag - am Anfang einsam, am Ende gemeinsam -, äußert sich in zarten Annäherungen zwischen den Figuren. Sie alle sind Astronauten, schwebend in der Leere wie McKenzie, gestrandet und auf der Suche nach Halt.

Wir sind alle Astronauten, Arte, 21.55 Uhr.

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