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Schauspielerin Lena Urzendowsky:"Das hat mir ein Stück Naivität genommen"

Schauspielerin Urzendowsky: Nacktheit im Film muss Sinn haben

Lena Urzendowsky: "Je extremer das ist oder je ferner von mir weg, desto anspruchsvoller ist die Arbeit."

(Foto: Christophe Gateau/picture alliance/dpa)

Sie ist einundzwanzig und schon öfter mit extremen Rollen aufgefallen. Lena Urzendowsky über "Die Kinder vom Bahnhof Zoo" und Dreharbeiten in knappen Klamotten.

Interview von Claudia Tieschky

In Wir Kinder vom Bahnhof Zoo spielt Lena Urzendowsky mit der ihr ganz eigenen, sehr spektakulären Intensität Stella, das verwahrloste Kind einer alkoholkranken Kneipenbesitzerin. Stella ist von außen betrachtet die radikalste Person in der Clique, sie geht als Erste von den Mädchen auf den Strich, um sich Geld für Drogen zu besorgen. Und trotzdem gibt Lena Urzendowsky dieser harten Figur etwas Verletzliches und Herzliches. Das ist nicht die erste raue Rolle, in der Lena Urzendowsky auffällt: Im Tatort "Leonessa" sah man sie vor einem Jahr als Teil eines kriminellen Pärchens in einer Hochhauswüste. Mit 15 spielte sie in Das weiße Kaninchen ein verliebtes junges Mädchen, das mit Nacktbildern erpresst wird und sich im Internet einem Jungen anvertraut, der nicht ist, wer er vorgibt. Lena Urzendowsky ist einundzwanzig Jahre alt.

Frau Urzendowsky, was haben Sie mit Christiane F. verbunden, bevor Sie die Rolle angeboten bekamen?

Lena Urzendowsky: Ich bin Berlinerin, und dadurch ist das natürlich ein Stück Stadtgeschichte. Es war schon in der Schule ein Thema, ich hatte Freundinnen, die das Buch gelesen haben. Bevor ich das Buch zum ersten Mal selbst gelesen habe, habe ich den Film allerdings mit zwei Freundinnen gesehen, und ich weiß noch: Ich war schon auch auf eine Weise schockiert. Das hat mir ein Stück Naivität genommen.

Erkennen Sie Ihr Berlin in dem Buch wieder?

Natürlich ist der Bahnhof Zoo für mich an erster Stelle ein Ort, an dem ich vor allem Züge wechsele, aber den Ullrich-Verbrauchermarkt, den gibt es immer noch, wo ich schon mal abends mit Freunden vielleicht noch ein Bier hole. Es ist schwer, Verbundenheit zu einer Stadt zu erklären. Meine Mutter ist aber in der DDR groß geworden, und mein Bruder Sebastian war noch ein kleines Kind, als die Mauer fiel (Lena Urzendowskys Mutter Jeanette und ihr Bruder Sebastian sind ebenfalls Schauspieler, d. Red.). Bei uns zu Hause wird berlinert. Der Berliner "Schargong" - das ist zum Beispiel total Kindheit.

'Wir Kinder vom Bahnhof Zoo' (WKBZ)

Lena Urzendowsky als Stella in "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo".

(Foto: Mike Kraus / Soap Images / mike@)

Der Film zeichnet aber auch ein sehr präzises Bild von West-Berlin und der Bundesrepublik, die Menschen sind noch sehr in der Nachkriegserfahrung drin, das ist ziemlich düster.

Das finde ich auch interessant! Ich glaube tatsächlich, dass diese von Schuld überschattete Generation von Christianes Eltern unterschwellig mit dazu beiträgt, dass die Jugendlichen so ein Bedürfnis nach Unabhängigkeit haben. Sie wollen sich freitanzen im Club, sich davon lösen, um sich nicht damit beschäftigen zu müssen. Sie flüchten sich in Drogen und schalten sich aus, weil sie ihr Elternhaus, die Welt, in der sie leben, und später auch sich selbst nicht mehr ertragen können.

Kann man sagen, dass Ihnen extreme Rollen besonders liegen?

Ich spiele sie auf jeden Fall am allerliebsten, weil ich ein abenteuerlustiger Mensch bin. Und je fremder mir ein Charakter, Lebensbereich oder eine Erfahrung ist, desto abenteuerlicher empfinde ich es, dort einzutauchen.

Naiv würde man sagen, Lebensbereiche, die einem fern sind, sind schwieriger darzustellen.

Na gut, was ich da immer gerne sage, ist: Man muss ja auch nicht tot sein, um eine Leiche zu spielen. Da geht es ganz viel um Empathie und um Sympathie. Wenn ich mich gut vorbereite und mir überlege, was diese Figur fühlt und warum, und was sie erlebt hat, dann ist das meine schauspielerische Arbeit. Je extremer das ist oder je ferner von mir weg, desto anspruchsvoller ist die Arbeit.

Kamen Sie gut durch die Szenen, die Stella erlebt?

Gerade bei den Vergewaltigungsszenen hatten wir ganz klare Vorbesprechungen: Wie läuft das ab, welche Handlungen werden vor der Kamera gezeigt. Aber ich habe mich auch dadurch gut begleitet gefühlt, dass die Produzentin Sophie von Uslar als Frau mit im Team war. Teilweise tragen wir ja auch sehr knappe Klamotten, aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich da über eine Grenze gehen musste oder es nur um Effekte ging, sondern alles war in der Rolle begründet. Und Sophie konnte ich immer vertrauen und hätte immer sagen können: Ich fühle mich grad nicht wohl, können wir über dieses Outfit noch mal reden?

Sie wurden Schauspielerin, noch bevor Sie mit der Schule fertig waren. Wie kam das?

In meiner Familie gibt es viele Künstler und Kreative. Ich bin aber auch tatsächlich aus einem großen Eigenantrieb so früh da rangegangen. Als ich mit fünf im Friedrichstadtpalast Kinder in einem Musical auf der Bühne sah, wollte ich das auch. Daraufhin habe ich acht Jahre lang Gesang-, Tanz- und Schauspielunterricht in einer Musicalschule genommen und zum Beispiel im Theater "Die Wühlmäuse" gespielt. Es brauchte aber noch sehr viel Eigeninitiative, bis ich endlich vor der Kamera stand.

Kurios ist ja nun, dass Sie und Ihr Bruder in derselben Serie auftauchen, Sebastian Urzendowsky spielt Christianes Vater. Wie kam das denn?

Das ist tatsächlich kompletter Zufall! Wir wurden unabhängig voneinander in Castings für die jugendlichen Rollen und in Castings für die erwachsenen Rollen besetzt. Ich rief ihn an und sagte: Oh mein Gott, du glaubst es nicht, ich habe die Rolle in dieser Serie. Und er sagte: Du glaubst es nicht, ich auch.

Ist es gut oder schlecht, einen älteren Bruder im gemeinsamen Gewerbe zu haben?

Für mich macht das vieles einfacher. Einen älteren Bruder an der Seite zu haben, den ich wirklich immer um Rat fragen kann, das gibt mir das Gefühl, nicht alleine zu sein.

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© SZ/hy
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