Wien-Tatort "Falsch verpackt" "Weil er sonst zum Stinken anfangt"

Als inmitten von Tonnen tiefgefrorener Hühnerfüße drei tote Chinesen gefunden werden, bewahrt Kommissar Eisner den Kopf eines Getöteten im Kühlschrank auf - aus gutem Grund. Dieser Tatort beweist einmal mehr: Wien ist keine Stadt, sondern ein schwer durchschaubarer Zustand.

Von Holger Gertz

Die zahlreichen Tatort-Kritiker da draußen merken gern an, dass jeder Tatort realitätsfern sei. Zu Beginn des Jahres postete ein User namens Jokerjake im Forum des Focus, ihn nerve die ständige "Nennung falscher Besoldungsgruppen für Hauptkommissare". Die strenge Kritik richtete sich gegen einen Odenthal-Langweiler, bei dem die falsche Besoldungsgruppe - rückblickend betrachtet - noch das kleinste Übel war.

Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) im Tatort "Falsch verpackt": Der eine ist alt, dick, bled und schlecht gelaunt, die andere genehmigt sich unerlaubterweise ein Bier.

(Foto: rbb/ORF/Petro Domenigg)

Der aktuelle Tatort kommt aus Wien, und als Gruß an Jokerjake und alle Freunde der Realität nur dieser kurze Einblick: Inspektor Moritz Eisner bewahrt den Kopf eines Getöteten vorübergehend daheim im Kühlschrank auf. Eisners Tochter quiekt beim Anblick des Kopfes, sie sagt: "Ich will wissen, warum ist ein Kopf in unserem Kühlschrank?", worauf Eisner zurückbrummelt, und man muss sich den leichenbitteren Sound des Wienerischen dazudenken: "Weil er sonst zum Stinken anfangt, das ist doch logisch."

Wien ist in dem Sinne keine Stadt, sondern ein Zustand, da passt es, dass der Wiener Tatort kein Krimi ist, sondern eine Zustandsbeschreibung. Im Donauhafen stehen Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) vor einem Container, der mehrere Tonnen Hühnerfüße (tiefgefroren) und drei nackte Chinesenleichen (auch tiefgefroren) enthält.

Bei der Suche nach dem Täter erfahren die Inspektoren etwas über die Lebensmittelmafia und Korruption in jeder Form. Sie durchstöbern die asiatische Community Wiens. Aber die Chinesen: Man kann sie so schwer auseinanderhalten. Einer, der Tsao Kang heißt, wird im Verlauf der Handlung schon mal Kao Tsang genannt. Seine Leichenteile sind über mehrere Müllkübel verstreut, doch als die Hülle des Menschen zusammengeflickt ist, ist der Fall noch nicht gelöst.

Krassnitzer hat in diesem Eisner seine Lebensrolle gefunden, er hält sich für "alt, dick und bled". Das Übergewicht bekämpft er mit einer Diät, knackt aber trotzdem nicht die 100-Kilo-Marke. Eisner ist also: alt, dick, bled und schlecht gelaunt. Kollegin Fellner genehmigt sich ein Bier, was sie nicht darf, sie ist ja Alkoholikerin. Oder, wie Eisner es formuliert: "Was ist denn jetzt mit deiner Sauferei?"

Man kann in diesem Tatort zwei Suchenden beim Suchen zusehen. Da ist der sonst frei schwebende Fall übrigens unschlagbar realitätsnah, er zeigt: Wer sucht, der findet nicht.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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