Zum Tod von Wibke Bruhns Wie ein modernes Deutschland aussehen konnte

Wibke Bruhns, 1938 in Halberstadt geboren, war von 1971 an als Heute-Moderatorin die erste Nachrichtenfrau im westdeutschen Fernsehen.

(Foto: dpa)

Wibke Bruhns war die erste Moderatorin der "heute"-Nachrichten, Kisch-Preisträgerin - und Vorbild.

Nachruf von Willi Winkler

Am 12. Mai 1971 ereignete sich ausgerechnet beim biedersinnigen ZDF eine Revolution. Wer um 22.15 Uhr noch nicht im Bett lag, konnte eine Frau mit topmodischer Kurzhaarfrisur und strenger Hornbrille sehen, die - unerhört! - die Heute-Nachrichten verlas. Das war Wibke Bruhns. Natürlich gab es auch schon vor fünfzig Jahren Frauen im Fernsehen, aber sie assistierten sogenannten Showmastern oder betreuten Gedöns und störten nicht weiter. Das neue ZDF-Gesicht störte katholische Männerbünde und die landesüblichen Sittenwächter, denn eine Frau im Seriositätsfach Nachrichten gab es sonst nur in der DDR. Die Frau da hatte zwei kleine Kinder, sollte sie sich doch um die kümmern, statt arbeiten zu gehen und sich auf diese Weise in der Öffentlichkeit zu präsentieren!

Lange hielt es sie da nicht, Bruhns hatte keine Lust, in die Kamera aufzusagen, was andere ihr aufgeschrieben hatten und wechselte zum WDR, um sich eigenen politischen Reportagen zu widmen. Henri Nannen holte sie zum Stern und setzte das SPD-Mitglied als Wahlkampfbeobachterin Willy Brandts ein, was für die entsprechenden Gerüchte sorgte. Dabei war es viel einfacher: Die damals noch jugendfrische SPD wollte das moderne Deutschland schaffen (woraus vor allem der architektonische Behelfsbrutalismus der Siebziger wurde), und Frauen wie Wibke Bruhns zeigten, wie das aussehen konnte. Sie ging als Korrespondentin nach Israel, später nach Washington. Für ihre Reportage über das Vietnam-Denkmal erhielt sie den Egon-Erwin-Kisch-Preis. 1989 kehrte sie zum WDR zurück, diesmal als Moderatorin. In einer Reprise ihres Sensationsauftritts präsentierte sie 1993 beim neugegründeten Sender Vox noch einmal die Nachrichten.

Kaum einer wusste, wie deutsch ihre eigene Geschichte verlaufen war. Nach dem Attentat am 20. Juli 1944 war Bruhns' Vater Hans Georg Klamroth als Mitwisser hingerichtet worden, weil sein Schwiegersohn den Sprengstoff für Stauffenberg beschafft hatte. In dem Buch Meines Vaters Land (2004) setzte sich die Tochter mit diesem Mann auseinander, an den sie sich kaum erinnerte. Klamroth hatte als Unternehmer zu den angesehenen Bürgern ihres Geburtsortes Halberstadt gehört und als klassischer Mitläufer (NSDAP- und SS-Mitglied) von der rassistischen Nazi-Herrschaft profitiert. Spät erst entwickelte er sich zum Hitler-Gegner. Noch länger brauchte die Bundesrepublik, um den Widerstand gegen Hitler anzuerkennen. Aber das ist mehr als Fernsehgeschichte; Wibke Bruhns hat sie aufgeschrieben. Am Donnerstag ist sie im Alter von 80 Jahren gestorben.

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