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Wetterberichte im Ersten:Frankfurt: wolkig

ARD-Wetterkompetenzzentrum

Wettermoderator Sven Plöger im TV-Studio des neuen „ARD-Wetterkompetenzzentrum“ beim Hessischen Rundfunk.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Die ARD hat die Produktion der Wetterberichte im Ersten beim HR zusammengelegt. Die Finanzkontrolleure der KEF kritisieren nun: Ob das wirtschaftlich ist, sei ungenügend geprüft worden.

Es sei eine "rekordverdächtige Zeit", in der man dieses "anspruchsvolle ARD-Projekt gemeinsam geschultert" habe. So wird die Fernsehdirektorin des Hessischen Rundfunks, Gabriele Holzner, ziemlich stolz in einer Pressemitteilung vom Dezember zitiert. Es ging um das neue Wetterkompetenzzentrum in Frankfurt am Main, mit dem die Sender der ARD seit 1. Januar ihre Kräfte beim HR bündeln: "Mit viel Kreativität und Sachverstand", sei das geschehen, "für ein neues, modernes und effizientes Arbeiten".

Vor Kompetenz soll es nur so strotzen im Wetterkompetenzzentrum. Die gesamte Wetterberichterstattung für Das Erste, tagesschau24 und viele Dritte Programme wird neuerdings zentral im Frankfurter Funkhaus am Dornbusch produziert. Moderatoren und Meteorologen haben die renovierten Studios und Redaktionsräume bezogen und sitzen nicht mehr in verschiedenen Landesanstalten. Was sich sinnvoll anhört, wird jetzt scharf kritisiert. Von den Wächtern der Öffentlich-Rechtlichen, der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF).

Laut deren "Sonderuntersuchung Wetterberichterstattung" ging bei der Entscheidung für die neue Produktion der Wetternachrichten einiges schief. Denn der Beschluss der ARD, die überregionale Wetterberichterstattung in Frankfurt beim HR zu konzentrieren, "beruhte nicht auf einer ergebnisoffenen und professionellen Standards genügenden Wirtschaftlichkeitsuntersuchung". Das Vorgehen widerspreche den Grundsätzen der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit "in eklatanter Weise". Deutliche Worte, die die KEF in ihrem aktuellen Bericht über den Finanzbedarf der Rundfunkanstalten findet. Der Hessische Rundfunk widerspricht dem Bericht heftig. Die Ausführungen der KEF "halten wir für nicht richtig", teilte ein Sprecher am Mittwoch auf SZ-Anfrage mit und weist vor allem zurück, es habe keine seriöse und ergebnisoffene Befassung gegeben. "Diese Darstellungen und dieses Vorgehen werden weder dem Sachverhalt noch der Verantwortung der KEF im Prüfungsprozess gerecht."

Man habe den Darstellungen der KEF schon im Vorfeld "in großen Teilen widersprochen, da sie die Realität nicht adäquat abbilden", so der HR. Der Aufbau des Wetterkompetenzzentrums im HR sei ein "sehr intensiver und ausführlicher Entscheidungsfindungsprozess in der ARD über mehrere Jahre" gewesen, in dessen Fokus "ausschließlich Wirtschaftlichkeitsüberlegungen - bei mindestens gleicher Qualität".

Der HR widerspricht der Kritik. Sie werde der Verantwortung der KEF nicht gerecht

Warum aber wurde die Produktion der Wetterberichte überhaupt nach Frankfurt verlagert? Bis Ende 2019 kamen die Prognosen für Das Erste zum Teil von der Gemeinsamen Einrichtung "GESA Wetterkarte" beim HR und zum Teil von der Cumulus Media GmbH in München. Letzterer wurde ihr Anteil entzogen, mit dem Versprechen auf hohe Einsparungen.

In der ARD-Pressemitteilung heißt es, dass das neue Wetterkompetenzzentrum zu jährlichen Einsparungen von rund 720 000 Euro beitragen soll. Das wäre eine Entlastung für die Gebührenzahler, aber die KEF hat daran große Zweifel. Diese Zahl, zu einem früheren Zeitpunkt war sogar von mehr als 800 000 Euro die Rede, ergab sich demnach aus einem "unsachgemäßen Vergleich" der Angebote. Die Gegenüberstellung der Kalkulationen hätte zentrale Faktoren außen vor gelassen und sei nicht hinreichend überprüft worden.

Der HR erklärt dagegen, die Kalkulation für die Übernahme der Wetterproduktionen für das Gemeinschaftsprogramm "ist eine umfassende Kostenbetrachtung, und die Kostenvolumina wurden präzise beschrieben".

Fast jede Landesrundfunkanstalt macht bei den regionalen Wetterberichten ihr eigenes Ding

Die KEF tritt auch der Sichtweise entgegen, die Cumulus Media sei ein "kommerzielles Unternehmen", dem man das journalistische Kernthema Wetter nicht überlassen dürfe. Vielmehr sei Cumulus Media ein Beteiligungsunternehmen der ARD, das einst "eigens zum Zweck der Wetterberichterstattung gegründet wurde und deren fachliche Kompetenz unbestritten ist". Nachdem man sich bei den ARD-Wetternachrichten im Herbst 2011 von Jörg Kachelmann trennte, wurde Cumulus Media ins Leben gerufen, um die Aufgaben einer Produktionsfirma von Jörg Kachelmann zu übernehmen.

Als nun der HR beschloss, in seinem neuen Zentrum auch die regionalen Wetternachrichten zu übernehmen, die Cumulus Media für vier Rundfunkanstalten produzierte, habe man außerdem nicht die spezifischen Anforderungen der Sender überprüft. Man sagte zu, so die KEF, ohne zu wissen, ob die Verlagerung technisch und organisatorisch machbar ist und mit welchen Kosten sie verbunden ist.

Die Kontrolleure beklagen auch, dass jede der neun Landesrundfunkanstalten bei den regionalen Wetterberichten ihr eigenes Ding macht. Einige produzieren selbst, andere beauftragen Dienstleister. In der Regel ebenfalls ohne "belastbare Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen". Über die Sender hinweg gebe es dabei wenig Vergleiche. BR, NDR und WDR ließen sich durchaus Einnahmen entgehen, weil sie auf Sponsoring zur Finanzierung der Wetterprognose verzichten, während die übrigen sechs Landesanstalten sowie Das Erste und das ZDF keine Bedenken dabei haben, mit Werbung bei den Wetterberichten Geld zu verdienen.

Seit Januar jedenfalls werden jeden Tag 37 Wetterberichte aus dem Frankfurter Wetterkompetenzzentrum gesendet. Der erste um fünf Uhr dreißig.

© SZ vom 27.02.2020
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