Süddeutsche Zeitung

"Wetten, dass..?": ZDF nach Unfall entlastet:60 Millisekunden Berührung

Verletzungen am siebten Halswirbel: Ein Gutachten zu Samuel Kochs "Wetten, dass..?"-Unfall entlastet das ZDF. Moderator Thomas Gottschalk will den verunglückten Kandidaten besuchen - und der Programmdirektor zieht eine Lehre.

Hans Hoff

Man kann im Leben alles richtig machen und doch falsch liegen. Das ZDF hat nach eigenen Angaben alles richtig gemacht, als es am 4. Dezember dem Wetten, dass..?-Kandidaten Samuel Koch erlaubte, sich mit so genannten Sprungstelzen über Autos zu katapultieren. Dabei verunglückte der 23-Jährige so schwer, dass er heute noch in einer Schweizer Spezialklinik intensiv behandelt wird und wohl dauerhafte Schäden davon tragen wird.

An diesem Mittwoch hat das ZDF in Köln eine Dokumentation der Ereignisse und die Expertise eines Sportwissenschaftlers vorgelegt. Das Gutachten führt aus, dass der Unfall auf eine unglückliche Verkettung von Bewegungsfehlern des Wettkandidaten zurückzuführen ist. Schuld trägt also? Niemand.

Trotzdem ist so etwas wie Schuldbewusstsein zu spüren, als ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut in der Kölner Sporthochschule die Ergebnisse der Untersuchungen vorstellt. Bellut, 55, der nach dem angekündigten Rückzug von Markus Schächter im März 2012 neuer Intendant des ZDF werden könnte, spricht beherrscht, gedämpft, so wie es dem Anlass angemessen scheint. Künftig werde externes Expertenwissen in die Bewertung von Wetten einfließen, die Absprachen zwischen der ZDF-Redaktion und den Wett-Teams sollen verbessert werden.

Bellut lässt die Wetten von nun an in vier Kategorien einteilen. Null steht für Denkaufgaben, eins für leichte sportliche Aktivitäten, zwei für sportive Wetten mit zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen, drei für Aktionen, bei denen Sportgeräte, Fahrzeuge und hohe akrobatische Anteile hinzukommen. Kochs Wette hätte eine drei bekommen: "Diese Kategorie", sagte Bellut, "kann ich mir nicht mehr vorstellen bei Wetten, dass..?" In den nächsten Ausgaben werde es nur Wetten bis Kategorie zwei geben.

"450 Newtonmeter kann kein Wirbelgelenk aushalten"

Eine ZDF-Task-Force hat in Zusammenarbeit mit Samuel Kochs Vater eine Chronologie der Ereignisse verfasst, die im März 2010 beginnt. Damals hatte eine Agentur Wetten mit Samuel Koch als Power-Jumper angeboten. Es folgten Tests, E-Mails, Absprachen. Es geht in dem Bericht um die Sicherheitsvorkehrungen, abgelehnte Autos (zu hoch), Kochs Fitness, die ausreichend erschien. Niemand vom ZDF noch von Kochs Helfern habe die mögliche Schwere eines Unfalls in Betracht gezogen. Man habe im schlimmsten Fall mit Prellungen und Beinbrüchen gerechnet, nicht mit einem Genickbruch. Zehn Tage nach dem Unfall soll Samuel Koch seinem Vater gesagt haben, dass er sich sicher gefühlt habe.

Gert-Peter Brüggemann, Professor der Kölner Sporthochschule, hat den Unfall untersucht. Technische Mängel schließt er als Unfallursache aus. "Es muss die Situation des Absprungs als Ursache des Fehlverhaltens herangezogen werden", sagt er. Koch sei während des Saltos mit dem Kopf ans Autodach gestoßen. 60 Millisekunden habe die Berührung gedauert. Aufgrund eines Drehmoments von 450 Newtonmetern sei es zur Verletzung des siebten Halswirbelgelenks gekommen.

"450 Newtonmeter kann kein Wirbelgelenk aushalten", urteilt Biomechaniker Brüggemann. Er geht davon aus, dass Koch sofort ohnmächtig wurde und unkontrolliert stürzte. Dabei seien dann, weil der Helm auf der Bodenmatte nicht rutschen und so die Aufprallenergie in sich aufnehmen konnte, Verletzungen des ersten und zweiten Halswirbels entstanden. Einen Schädelbruch habe der Helm verhindert.

Der Unfall werde in der nächsten Wetten, dass..?-Sendung am 12. Februar (Halle/Saale) thematisiert, sagt ZDF-Manager Bellut. Thomas Gottschalk sei im Gespräch mit dem Vater und werde, wenn es die Umstände erlauben, Samuel Koch auch besuchen. Das ZDF werde ihn weiterhin betreuen, doch auch die Versicherungen seien nun gefragt. Für seinen Sender, so Bellut abschließend, sei die Sache nicht geklärt - auch wenn es jetzt Erklärungsversuche und Entlastungsargumente gebe: "Die Verantwortung liegt trotzdem bei uns."

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SZ vom 27.01.2011/berr
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