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"Wetten, dass..?" aus Bremen:Alles auf Anfang

Das ZDF räumt viele Neuerungen der Ära Markus Lanz ab und kehrt bei "Wetten, dass..?" zum altbewährten Konzept zurück. Der vielgescholtene Moderator müht sich, doch ein Gespür für feine Pointen und das richtige Timing lässt er vermissen. Abgesehen von einer Ausnahme.

Eine TV-Kritik von Matthias Kohlmaier

Markus Lanz wollte darüber reden. Das ist tapfer. Viele andere in seiner Position, von Medienjournalisten über Monate gepiesackt, vom Publikum wenig geliebt, ja, viele andere hätten versucht, die Probleme totzuschweigen. Aber was ein kerniger Südtiroler ist, der lamentiert nicht, der kann sich selbst ein bisschen auf die Schippe nehmen.

Und nachdem der zweiminütige Standardapplaus zu Beginn von Lanz' achtem "Wetten, dass..?"-Einsatz verhallt war, holte er die Ironie-Schippe heraus, die ihm die neuen Gagschreiber vorbereitet hatten. Mit dem Publikum und "Wetten, dass..?" sei es doch ein wenig wie in jeder 30-jährigen Ehe, "ab und an kracht es". Aber: "Schatz, ich habe nie an Scheidung gedacht, dafür öfter mal an Mord." Lanz wollte also niemals weglaufen, auch nicht nach dem Fiasko bei der Mallorca-Ausgabe. Wie gesagt, tapfer, der Mann.

Wie zu Gottschalk-Zeiten

Zum Glück wird jetzt sowieso alles besser. Schon vor Lanz' Start in seine zweite Saison als Samstagabendshow-Moderator war am so innovativ veränderten Konzept nochmals mindestens ebenso innovativ geschraubt worden. Bloß in die andere Richtung. Genaugenommen wurden fast alle Neuerungen der Lanz-Ära abgeräumt, "Wetten, dass..?" funktioniert jetzt wieder wie zu guten, alten Gottschalk-Zeiten. Nämlich:

Prominente nehmen auf der Couch Platz, plaudern ein wenig. Dann kommt eine Wette, danach muss eventuell ein selten amüsanter Wetteinsatz eingelöst werden. Danach singt jemand und dann geht das Ganze von vorne los. Am Ende wird die Sendezeit um eine erwartbare und dramaturgisch unnötige halbe Stunde überzogen. Zum Abschluss winken alle nochmal recht beschwingt in die Kamera beziehungsweise ins Publikum.

Für Lanz hat das einen immensen Vorteil: Es ist kalkulierbar, es passiert quasi nichts Überraschendes mehr. Die Lanz-Challenge, deretwegen man in der mallorquinischen Stierkampfarena im vergangenen Juni sogar ausgebuht worden war, ist Geschichte. Den Prominenten werden lächerliche Wetteinsätze abgenötigt. Harrison Ford zum Beispiel musste am Samstagabend nach verlorener Wette einer Zuschauerin eine neue Ansage auf die Mailbox sprechen. Da werden beim TV-Zuschauer die Augenlider zwar schwer, dafür kann besonders Lanz kaum mehr ein pseudo-humoristisches Malheur unterlaufen. Sicher ist sicher.

Denn dass dem Lanz sowas bei seinen vergangenen Auftritten gelegentlich passiert ist, das ist ihm - oder wenigstens den neuen Witzautoren - sehr wohl aufgefallen. Deshalb bekennt Lanz auch, während ein Mädchen bei der Kinderwette über eine Reihe Lippenpflegestifte laufen möchte: "Genug über Fettstifte - ich hab's ja in der vergangenen Saison öfter mit Fettnäpfchen versucht. Ist mir gelungen!" Das ist so witzig, dass es schon gar nicht mehr witzig ist. Aber für die Wahrheit kann man den Mann schwerlich bestrafen.

TV-gewordene "Bild der Frau"

Inwiefern eine Einladung zu "Wetten, dass..?" für den gemeinen Hollywood-Star eine Strafe darstellt, dazu hätte Tom Hanks wohl eine recht differenzierte Meinung, seit er vor einigen Sendungen eine Katzenmütze aufsetzen musste. Aber egal, es gibt schließlich immer einen neuen Kinofilm (Harrison Ford, Matthias Schweighöfer, Ruth Maria Kubitschek), ein neues Album (Cher, Helene Fischer), einen neuen Fernsehfilm (Anja Kling) oder ein auf einem Kinofilm basierendes Musical (Sylvester Stallone) zu bewerben.

Von den Promotionszwecken abgesehen, hätten all diese Herrschaften gewiss Stoff für einen interessanten Plausch hergegeben. Lanz entschied sich leider dafür, mit alten Leuten über alte Zeiten zu plaudern. Stallone erzählte aus seiner Schulzeit, Ford von "Indiana Jones" und Kubitschek sprach über Ruhe und Gelassenheit im Alter. Garniert mit dem Schwiegermama-Liebling Schweighöfer, der die Schwangerschaftsgerüchte um seine Freundin bestätigte und Helene Fischer, die sowieso jeder ganz toll findet, bleibt der Eindruck: "Wetten, dass..?" ist thematisch gesehen so etwas wie die TV-gewordene "Bild der Frau". Nur ohne Kreuzworträtsel.

Das vorwiegend ältere Publikum findet das vermutlich angenehm. Selbige Zuschauerschaft klatscht auch rhythmisch im Takt mit - oder wippt auf der heimischen Couch wenigstens mit dem Fuß -, wenn für die erste Wette des Abends zu Volksmusikklängen eine Oktoberfestkulisse auf die Bühne gerollt wird. Da brodelt der Saal, nächste Station: "Musikantenstadl".

War's das?

Für Lanz scheint das in Ordnung zu sein. Zumindest sagt er gefühlt alle paar Minuten "Alles gut", "Ein großer Spaß" oder "Ich bin gespannt". Dass er einen Draht zum Publikum hat, ein Gespür für den richtigen Moment, für die kleinen Pointen, kann er dabei nicht vermitteln. Wobei: Einmal passt das Timing dann doch sehr gut. Bei der Abmoderation verabschiedet Lanz "Helene Fischer, von der wir im ZDF bald noch mehr sehen werden" und "Anja Kling, morgen Abend hier im ZDF zu sehen". Werbung in eigener Sache? Erledigt.

Falls es dem ZDF reicht, eigene Produkte auf diese Weise am Samstagabend zu präsentieren, kann "Wetten, dass..?" genau so weiterlaufen. Fernsehen ohne große Überraschungen und Unwägbarkeiten; mit einem Moderator, der längst nicht alles richtig macht, nur weil er nicht allzu viel falsch macht; für ein immer älter werdendes Publikum, das froh ist, dass die ganzen Neuerungen vom Beginn der Lanz-Ära wieder Geschichte sind; mit Gästen, die die Erwartungen genau dieses Publikums bedienen.

Hoffentlich reicht das dem ZDF nicht.

© SZ.de/plin

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