Werbung Gefährliche Lidschatten

Boris Entrup, dies vorweg, wirkt über alle Jahrgangsstufen der Make-up-Schule hinweg ausgesprochen freundlich und zugewandt.

(Foto: Robert Haas)

"Explosives Volumen ohne zu verklumpen": Eine kritische Würdigung der Kosmetikreklame mit Boris Entrup zum Staffelende von "Germany's next Topmodel".

Von Cornelius Pollmer

Das Leben hatte Keith Richards' Gesicht bereits intensiv kartografiert, als dem Besitzer dieses Gesichts vor Jahren eine schöne Frage überreicht wurde. Welche Meinung er von Kosmetik im Allgemeinen habe, insbesondere aber solcher für Männer, wurde Richards gefragt. Er könne dazu nicht allzu viel sagen, soll dieser seine Antwort begonnen haben, bei ihm jedenfalls sei es so, dass er für seinen Hintern und sein Gesicht "denselben Waschlappen" benutze.

Mit zwar mehr Waschlappen, aber ähnlich geringem Vorwissen begann man vor Jahren die Sendung Germany's next Topmodel zu schauen, die seither in größtmöglicher Breite und Häufigkeit diskutiert worden ist. Es gab berechtigte Kritik am Körper-, Frauen- und Menschenbild der Sendung, es gab in der Folge auch berechtigte Kritik an den Kritikern und deren partieller Bigotterie. Seltsam unbeachtet blieb dabei über die Jahre ein Element der Sendung, das nur formal dem ausgelagerten Werbeblock angehört - und das die Leere, Marktradikalität und Verachtung von GNTM oft noch viel sichtbarerer macht als die Show selbst. Dieses Element heißt "Maybelline Make-up-School", der Kosmetikkünstler Boris Entrup präsentiert darin seit zehn Jahren wechselnde Produkte derselben Firma und wird dies auch an diesem Donnerstag tun, wenn das Finale der zwölften Staffel gesendet wird.

Boris Entrup, dies vorweg, wirkt über alle Jahrgangsstufen der Make-up-Schule hinweg ausgesprochen freundlich und zugewandt. Gegen so einen Lehrer ist erst einmal nichts zu sagen, und seine Fähigkeiten lassen sich selbst dann erahnen, wenn er irgendeine neue Paste vorbereitend auf seinem Handrücken parkt. Entrup ist ein Feinmechaniker, er ist im GNTM-Kosmos aber auch der vorderste Erfüllungsgehilfe einer Industrie. Deren Funktionsprinzip ist es, im Grunde ausentwickelte Produkte immer wieder minimal zu verändern und sie dann maximal neu erscheinen zu lassen. Diese Industrie produziert Waren und Werbung für den Moment und sie ist gerade deswegen in einer Langzeitbeobachtung am besten zu verstehen.

Wer als Model erfolgreich sein will, das muss man wissen, hat keine Zeit für Flüssig-Make-Up

In der Kategorie Mascara präsentierte Entrup 2007 einen "Volume Express Turboboost", bereits ein Jahr später empfahl er "den neuen Volum' Express Lift-up", denn nur dieser sorge für "drei Mal mehr Volumen" - ob die Bezugsgröße dieser Steigerung der ebenfalls beworbene "Volum' Express Mascara" gewesen ist, blieb leider unbeantwortet. Während Entrup sich im Jahr 2011 zwischenzeitlich für ein "definiertes Volumen" einsetzte, zu erreichen am besten mit dem "One by One Mascara", schien drei Jahre später wieder ein neuer Krieg ausgebrochen zu sein. Für den War on Wimpern empfahl Entrup, selbige "mit dem Rocket-Mascara" zu tuschen, für "explosives Volumen, ohne zu verklumpen". Und wenn man da in seiner Einfältigkeit gedanklich abschweifte, zur potenziell herrlichen Einfarbigkeit einer Mondamin-entklumpten Soße, wurde man doch heftig erwischt von einem Folgeschlag mit der dicken Berta, die aber in der Welt von Maybelline leider nicht so heißen darf. Also heißt die dicke Berta "Colossal Volum' Extreme Mascara", laut Bauchbinde verfügend über eine "Formel mit 20x mehr Collagen für Extremes Volumen".

Übersichtlicher blieb die Produktlage bei den Concealern, deren Produktversprechen sich sogar irgendeiner Realität anzunähern schienen. So wurden 2008 noch die Ausfertigungen "Dream Mousse" und "Ever Fresh" beworben, zwei Jahre später schon war aus dem Versprechen ewiger Frische eines für "superstay 24-Stunden" geworden. Mit genauem Blick aber ergaben sich daraus schon wieder neue Fragen, die - Vorschlag - bald als Textaufgaben im Matheunterricht der Make-up-Schule gestellt werden könnten, etwa so: Jolina packt ihren Kulturbeutel aus und findet darin das "Superstay Seidig Make-up 16h" (2007), den "Superstay 14h Lippenstift" und den "Color Tattoo 24h Lidschatten Creme-Gel-Textur für 24 Stunden Farbintensität" (beide 2014) sowie den "Lasting Drama Black Schock 36h Gel Eyeliner, 1,4 Milliliter" (gerade beim Googeln auf dm.de gefunden, 11,85 Euro). Frage eins: Wie lange kann Jolina mit diesen Produkten feiern gehen, wenn sie "von morgens bis abends einfach toll aussehen" muss, wie es Entrup 2007 als mögliche Pflicht formuliert hat? Frage zwei: Verwischt der "Black Drama tiefschwarzer Mascara" (2011), wenn du durch diese Prüfung fällst und deswegen weinen musst? Frage drei: Male eine Kartoffel und ...

Es lassen sich im Längsschnitt natürlich auch Lichtblicke finden. So hieß es 2008 bei Entrup noch, wer im internationalen Model-Business erfolgreich sein wolle, der habe schlicht keine Zeit für Flüssig-Make-up. Ein Jahr später sagte er fröhlich, man möge die Schule beginnen, "mit dem neuen Mineralien-Flüssig-Make-up", und was sonst sollte das bedeuten, als dass die Arbeitszeit im internationalen Model-Business auf Druck der Gewerkschaften hin ein wenig entdichtet worden war? Ein weiteres Jahr später schien der technische Wandel neuen, nun, Schwung in den Spiegelschrank zu bringen, der "pulse perfection Mascara" summte in Nahaufnahme und Entrup versprach: "Seine vibrierende Bürste sorgt für einen gleichmäßigen Auftrag."

Wie rüstet man sich am besten?

In den Wachsamen erwuchs in eben jenem Jahr allerdings wegen des "Diamond Glow Eyeshadow" auch ein Vorabendgefühl. Die Farbe kam einmal mehr zu ihrem gelegentlichen Moderecht, und in einer Art Schauprozess darunter zu leiden hatte 2013 eine gewisse Jana. Als unbestreitbar schöne Frau betrat sie das Spiegelkabinett des Doktor Entrup, heraus ging sie mit einer Fratze der Marke Wer-abkackt-wird-angemalt. Hieß natürlich wieder nicht so.

Wenn es lohnt, die Erinnerung an Jana wachzuhalten, dann in dem Gedankenversuch, alle genannten Produkte auf einmal aufzutragen und sich das anschließende Clownsgesicht vorzustellen. So eines kann bekommen, wer den Verkäufern im Fernsehen zu lange zusieht und wer das von Anglizismen und großKleinschreibungsWechseln camouflierte Marktgeschrei nicht als das bezeichnet, was es ist: ein Werben für den hochprofitablen Krieg an allen möglichen Außenflächen des Menschen.

Wie rüstet man sich am besten? Nicht hinsehen, nicht hingehen, das ist vorstellbar. Wer schon drinsteckt, hat es schwerer, klar. Aber er kann sich an 2012 erinnern, als Boris Entrup in seiner Schule das "Terra Sun bronzing powder" präsentierte. Davon eine Nase und, wer weiß, dann scheint wieder die Sonne in einem, wenn auch nur bronzen.

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