"Wendepunkt: 9/11 und der Krieg gegen den Terror" bei Netflix:Ein Tag im September

Filmstills aus der Doku-Serie "Turning Point: 9/11 und der Krieg gegen den Terror" (Netflix-Start am 3.9.21); © Netflix (auch online).

Das zweite Flugzeug kurz vor dem Aufprall im "World Trade Center".

(Foto: Netfilx)

Die Doku-Serie "Wendepunkt: 9/11 und der Krieg gegen den Terror" ist eine detailreiche Rekonstruktion zum 20. Jahrestag der Anschläge.

Von David Steinitz

Waldgrün. Diese Farbe gefiel dem afghanischen General am besten, als die Amerikaner ihm anboten, dem afghanischen Militär Tarnuniformen zur Verfügung zu stellen. Allerdings sind weniger als vier Prozent des Landes bewaldet. Und das Muster war deutlich teurer als die meisten anderen. "Wir kauften dem afghanischen Militär die falsche Uniform zu höheren Preisen", erzählt der Generalinspekteur John F. Sopko seufzend in der Dokumentarserie Wendepunkt: 9/11 und die Folgen, die auf Netflix zu sehen ist.

Sein Job war die Kontrolle der Milliarden, die die USA in Afghanistan für den Wiederaufbau ausgaben - und seiner Rechnung nach entstanden etwa 30 Prozent der Kosten, die er überprüfte, durch Verschwendung, Missbrauch und Missverständnisse. Neben dem Uniformdesaster berichtet er von seltenen weißen Ziegen, die die Amerikaner extra aus Italien nach Afghanistan einflogen, wo sie mit einheimischen Ziegen gekreuzt werden sollten, um die Kaschmirindustrie zu fördern. Allein, so ein Projekt brauche mindestens ein Jahrzehnt, um zu funktionieren, der Budgetplan der Amerikaner sah aber maximal ein bis zwei Jahre vor - und ein Jahr später seien ohnehin keine Ziegen mehr da gewesen, weil sie entweder eingegangen oder aufgegessen worden seien.

Hollywood hat die Ereignisse fiktionalisiert, diese Doku hält sich streng an Fakten und Details

Die Dokumentarserie des Regisseurs Brian Knappenberger zeigt keine neuen Enthüllungen über den 11. September und seine Folgen. Sie fasst den Komplex aber in fünf kompakten, jeweils etwa einstündigen Folgen pointiert und detailreich zusammen: der Tag des Anschlags, der Einmarsch erst in Afghanistan, dann im Irak, die irre Jagd der Amerikaner nach Osama bin Laden, das Desaster der Wiederaufbaumissionen.

Das amerikanische Kino hat viele dieser Ereignisse seit 2001 aufgearbeitet, es gibt zahlreiche ausgezeichnete Spielfilme über 9/11 und die Folgejahre. "Vice" zum Beispiel, über den ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney, der als der eigentliche Strippenzieher der Bush-Regierung angesehen wird; oder "Zero Dark Thirty" über die ein Jahrzehnt dauernde Suche der CIA nach Osama bin Laden. Diese Filme haben die Ereignisse verdichtet, teils auch ein wenig verklärt, wie es das gute Recht der Fiktion ist.

Filmstills aus der Doku-Serie "Turning Point: 9/11 und der Krieg gegen den Terror" (Netflix-Start am 3.9.21); © Netflix (auch online).

Aus den Trümmern: Überlebende der Anschläge vom 11. September 2001.

(Foto: Netflix)

Gerade deshalb ist diese Dokumentation trotz der vielen, vielen anderen Dokus zum Thema eine verdienstvolle Sache. Weil sie die Entstehung, die Zusammenhänge, die Folgen jenes Tages im September nicht unemotional, aber doch sachlich zusammenträgt, mit vielen Interviews und Archivaufnahmen. Der Regisseur widersteht auch der künstlichen Überdramatisierung mit Musikbombast und hektischen Schnitten, die viele Dokus der Streamingdienste prägt.

Er schlüsselt, ausgehend vom Tag der Anschläge, noch mal detailliert auf, warum die Amerikaner selbst zum Entstehen der Terrorgruppe al-Qaida beigetragen haben, wie Osama bin Laden und seine Mitverschwörer sich durch jahrelange Planung auf ihren großen Tag vorbereiteten, durch welche Versäumnisse es den US-Geheimdiensten nicht gelang, die Anschläge zu verhindern - und was für eine Bankrotterklärung der Abzug aus Afghanistan für die westliche Politik darstellt.

Wendepunkt: 9/11 und der Krieg gegen den Terror, fünf Folgen, auf Netflix.

© SZ/cag
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