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Wellentausch BR Klassik und Puls:BR beschließt seine umstrittene Agenda 2018

Der Rundfunkrat in München stimmt zu: Das Jugendradio Puls ersetzt in vier Jahren den Sender BR Klassik auf UKW, der ins Digitale weichen muss. Der Widerstand war bis zuletzt groß.

Von Karoline Meta Beisel und Claudia Tieschky

Manchmal lässt sich das Gewicht einer Entscheidung sogar in Zeit messen. Mehr als zweieinhalb Stunden lang rangen die Rundfunkräte des BR, die normalerweise nicht unnötig wortreich sind, am Donnerstag mit der Frage: Jugend oder Klassik?

Dann stand fest: Der Sender BR Klassik wird von 2018 nicht mehr über UKW ausgestrahlt. Seinen Platz wird das werbefreie Jugendradio Puls einnehmen. Das Gremium stimmte mit sieben Gegenstimmen und zwei Enthaltungen einem Plan von Intendant Ulrich Wilhelm zu. Der BR-Chef sagte: "Das ist ein Ergebnis, zu dem ich fachlich stehen kann, auch wenn es uns nicht leicht gefallen ist, weil viele im Haus sich einen schnelleren Umstieg gewünscht hätten." Mit dem Tausch, gegen den Anhänger von BR Klassik protestieren und den Freunde von Puls verlangen, will der BR mehr junge Hörer gewinnen und einem "Generationenabriss" vorbeugen. Das angesehene Klassikprogramm ist in vier Jahren dann nur noch als Digitalkanal zu empfangen, über das Radio DAB Plus, Internet, Kabel und Satellit.

Die Rundfunkräte folgten einem umstrittenen Kompromiss, den der Hörfunkausschuss des Rundfunkrates Anfang Juni empfohlen hatte. Nicht 2016, wie zunächst geplant, sondern erst 2018 soll der Wellentausch stattfinden. Die Zeit bis dahin will der BR nutzen, um das Digitalradio DAB plus besser durchzusetzen. Puls, das seit Jahren auf DAB sendet, soll auf UKW endlich zu Bekanntheit kommen - auch das aber eben erst in vier Jahren. "Erleben wir das überhaupt noch", fragten scherzhaft Puls-Mitarbeiter bei der Sitzung, "Dann sind wir ja fast schon Bayern 3." Es gehe bei dem Werben um das junge Publikum aber nicht nur um das eigene Programm Puls, sondern um die Zukunft des ganzen BR.

Der darf nur fünf Programme in UKW ausstrahlen, eine Verlegung der populären Massenprogramme B1 und B3 zugunsten des Jugendsenders stand für die Geschäftsführung nicht zur Debatte.

Die Rundfunkratssitzung wurde nun zum Schauplatz, auf dem alle Argumente noch einmal ins Feld geführt wurden. Mehr als ein Dutzend Redner meldeten sich zu Wort, debattiert wurde sachlich und auf hohem Niveau; erkennbar wollte die Mehrheit des Rundfunkrats die Entscheidung nun endlich fix machen. Die Puls-Redaktion saß in Mannschaftsstärke auf den Zuhörer-

und Fensterbänken. Robert Helmschrott, Vertreter der Komponisten-Organisationen, kritisierte: "Verlierer ist BR Klassik", gerade dort gebe es kein Problem mit dem Generationenabriss, das Programm verfüge über Angebote für Kinder und Jugend. Auch Wilhelm warb vor der Abstimmung noch einmal für seine Position. Er will nun das Programmangebot für DAB plus und die Netze ausbauen. BR Klassik soll auch im Internet eine neue Präsenz bekommen, unter anderem einen "virtuellen Konzertsaal". Das Telemedienkonzept dafür billigte der Rundfunkrat ebenfalls am Donnerstag.

Derzeit hören nur 2,1 Prozent der Bevölkerung in Bayern täglich Digitalradio. Der BR meint, er komme mit dem Frequenztausch seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag besser nach als bisher, weil er auf UKW ein Angebot für junge Hörer schafft. Die Privatsender dagegen befürchten durch Puls - obwohl werbefrei - Reichweitenverluste und damit Umsatzeinbußen. In einem vom Privatsenderverband VPRT in Auftrag gegebenen Gutachten heißt es, der BR ziehe sich von seinem öffentlich-rechtlichen Auftrag zurück: indem er BR Klassik nicht mehr auf UKW sende, sei das Programm "für den weitaus größten Teil der Hörer des BR in seinem Versorgungsgebiet terrestrisch nicht mehr empfangbar". Nicht eindeutig ist auch, ob der Frequenztausch rechtlich zulässig ist, Bayerns Rundfunkgesetz und der Rundfunkstaatsvertrag widersprechen sich, die Gutachter ebenso. Der BR will mit den Kritikern das Gespräch suchen.

© SZ vom 11.07.2014
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