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Cover von Programmzeitschriften:"Die hocken sich dann rein und hängen ihren Gedanken nach"

Gong Cover 2015-2020.

Die wohl berühmteste Kapelle Deutschlands: die Cover der Weihnachtsausgaben des "Gong" von 2015 bis 2020.

(Foto: SZ)

Alle Jahre wieder packt man bei der Fernsehzeitschrift "Gong" eine Kapelle aufs Cover - alle Jahre dieselbe. Was ist das für ein Gebäude? Nachgefragt in Gschnitz in Tirol.

Von Marija Barišić

Es gibt da so ein Ritual bei Gong: Jedes Jahr zu Weihnachten veröffentlicht die Fernsehzeitschrift eine Ausgabe mit dem gleichen Titelbild wie schon im Jahr zuvor. Kein Scherz. Egal ob 2015 oder 2020 oder irgendwann dazwischen - immer prangt da auf dem Cover eine kleine, schneebedeckte Kapelle. Leserinnen und Leser der Programmzeitschrift tv sehen und hören könnten sie womöglich kennen. Denn auch dort ist das Bild auf der jährlichen Weihnachtsausgabe zu sehen. Nur: Was ist das eigentlich für eine Kapelle? Und wie wurde sie berühmt?

Roswitha Felder, 52 Jahre alt und seit Jahren für den Erhalt des Baus zuständig, nimmt sich am Telefon gerne Zeit, um die Geschichte "unserer Josefskapelle" nachzuerzählen. Dafür braucht sie nicht lange, denn so historisch, wie die Kapelle auf den ersten Blick aussieht, ist sie in Wahrheit gar nicht. Erst 2o07 wurde sie auf dem Boden des Mühlendorfes errichtet, einem kleinen Ort in der Nähe der ebenso kleinen österreichischen Gemeinde Gschnitz in Tirol. Nur wenige Jahre zuvor gab es dort nicht viel mehr als einen Wasserfall, eine Weidefläche und vier alte Mühlen, sagt Felder.

Dieses Jahr ist es nichts mit dem Christbaum - Stromausfall

Um den stagnierenden Tourismus der 450-Einwohner-Gemeinde wieder anzukurbeln, beschloss ihr Mann - damals frisch gewählter Bürgermeister von Gschnitz - die Mühlen wiederzubeleben und ein ganzes Dorf auf der Weidefläche zu errichten: das heutige Mühlendorf. Die Idee für die Kapelle hätten dann die Einwohner der Gemeinde gehabt: "Mein Mann sagte: Ja, wäre schön, aber das ist im Budget nicht drinnen."

Was folgte, hört sich tatsächlich an wie ein kleines Weihnachtsmärchen: Da habe es also diesen Kunstmaler aus Augsburg gegeben, erzählt Felder, Hermenegild Peiker, der ihnen - begeistert von der Idee - ein Deckenfresko spendete und zwei Gemälde malte. Das wiederum habe eine Spenden- und Hilfsaktion im gesamten Dorf ausgelöst, die letztlich eine Errichtung der Josefskapelle ermöglichte. Einer aus der Gemeinde, ein Maurer, habe den Rohbau aufgestellt, der Elektriker habe sich um den Strom gekümmert und der Zimmerer - natürlich gibt es auch einen Zimmerer - um das Dach und den Glockenturm. "In so einem Dorf hat man halt oft viele Handwerker."

Heute, 13 Jahre später, passen ungefähr 20 Leute in die kleine Josefskapelle. Vor elf Jahren soll der Fotograf Reinhard Schmid sie erstmals für die Agentur Huber Images fotografiert - und damit wohl berühmt gemacht haben. Felder sagt, sie sei zwar "koane, die alle Medien durchforstet", trotzdem weiß sie um die Prominenz ihrer Josefskapelle Bescheid. Ein befreundeter Arzt aus Augsburg schicke schließlich jedes Jahr verlässlich ein Foto, sobald er die kleine Kapelle aus dem Mühlendorf mal wieder auf einer der Programmzeitschriften entdeckt. Wenn Felder dann auch noch im Kleingedruckten ein paar Hinweise zur Kapelle und dem Mühlendorf findet, freut sie sich.

Seit 2007 ist sie für den Verein "Lebendes Mühlendorf im Gschnitztal" tätig - mit 26 Freiwilligen kümmert sie sich um Führungen durch das Dorf, in dem Besucher heute lernen können, wie Menschen vor etwa 100 Jahren gelebt haben. Alle zwei Jahre findet ein Adventsmarkt statt, ab und zu möchten Paare in der Kapelle heiraten oder ihre Kinder taufen lassen. Im Winter ist das Dorf abgeriegelt, nur den Weg zur Kapelle schaufelt Felder jedes Jahr frei. Erst wenn das ganze Dorf dann weihnachtlich geschmückt ist, der Schnee auf den Dächern liegt und ein Christbaum vor der Kapelle steht, wird sie zum Anziehungspunkt: "Es gibt so viele Leute, die so viel Kummer mit sich herumschleppen, die hocken sich dann rein und hängen ihren Gedanken nach."

Dieses Jahr ist - wie so vieles andere - auch das nicht mehr möglich. Nicht aber wegen Corona, sondern weil im Herbst ein Unwetter die Stromversorgung des Mühlendorfes beschädigt hat. Nicht einmal einen leuchtenden Weihnachtsbaum habe sie dieses Jahr vor die Kapelle stellen können, sagt Felder. "Aber bis nächstes Jahr kriegen wir das hin", richtet sie aus, und einen kurzen Moment klingt es so, als könnte sie den Strom genauso meinen wie die Pandemie. Das diesjährige Weihnachtscover des Gong zeigt jedenfalls unbeirrt: eine leuchtende Josefskapelle.

© SZ/ebri
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