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Weidel verlässt Talkshow:Wenn sie einfach aufstehen und gehen

Alice Weidel ist nicht die einzige, die wutentbrannt ein TV-Studio verlässt. Sechs denkwürdige Talkshow-Eklats.

Aus der SZ-Medienredaktion

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Wolfgang Bosbach bei "Maischberger", 12. Juli 2017

Maischberger

Quelle: Melanie Grande/WDR

Wer sich fragte, was dem Talkshowgast-Rekordhalter Wolfgang Bosbach die Lust am telegenen Streiten verleiden könnte, der hat nun die Antwort: eine Stunde Diskussion mit der linken Politikerin Jutta Ditfurth. Aus den zahlreichen Optionen der inszenierten Abgänge wählt Bosbach - Medienprofi, der er ist - den selbstlos-heroischen. Alles beginnt mit einer Geste: Bedeutsam schweigend entfernt Bosbach das Mikrofon von seinem Revers. Es folgt ein flehendes "Herr Bosbach, bleiben Sie bitte bei uns" von Moderatorin Maischberger. Nun ist die Atmosphäre dramatisch ausreichend aufgeheizt für den Abtrittsmonolog: Ditfurth habe den Hamburger Hauptkommissar Joachim Lenders "in geradezu unverschämter Weise angegangen", empört sich Bosbach. Hier erregt sich also jemand nicht aufgrund von persönlichen Animositäten, sondern um einen braven Vertreter des Staates vor den fiesen Altachtundsechzigern zu retten. Wäre Bosbach doch nur am Wochenende im Schanzenviertel zugegen gewesen, womöglich hätte sich das Schlimmste verhindern lassen.

Luise Checchin

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Bernd Lucke im "Studio Friedman", 27. Februar 2014

"Studio Friedman"

Quelle: © N24

Bernd Luckes Zeit als Vorsitzender der AfD, 2014 noch professoral-biedere Anti-Euro-Partei, liegt gefühlt in einer anderen Dekade. Dabei sind einige Momente zurückblickend sehr denkwürdig, wie etwa Luckes damaliger Disput im N24-Talk mit Michel Friedman. Letzterer wirft seinem Gast wiederholt Zitate und Vorwürfe an den Kopf. Seine These: Die AfD fische am rechten Rand und bediene sich Nazi-Vokabulars. Dabei schießt sich Friedman auf einen (allerdings falsch zitierten) Satz von Beatrix von Storch ein und fällt dem ausweichenden Lucke mehrmals ins Wort. Der fühlt sich vom Gastgeber und dessen "Rechtspopulismus-Keule" ungerecht behandelt und bricht das Gespräch ab: "Diese Art der Diskussion geht nicht." Als er wütend davonstürmt, ruft ihm Friedmans zweiter Gast, Manuel Sarrazin von den Grünen, noch halbherzig hinterher: "Herr Lucke, ich wollt' doch noch ein anderes Thema besprechen!" Doch der Eingeschnappte verlässt erst das Fernsehstudio und ein Jahr später die eigene Partei wegen "islamfeindlichen und ausländerfeindlichen Ansichten". Aber Herr Lucke, klingt das nicht sehr nach "Rechtspopulismus-Keule"?

Joshua Beer

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Nina Hagen und Joachim Bublath bei "Maischberger", 30. Oktober 2007

Menschen bei Maischberger: Joachim Bublath streitet mit Nina Hagen

Quelle: picture-alliance/ dpa

Politische Konfliktlinien schön und gut - aber doch auch schnell etwas konstruiert. Auf etwas blutarme Weise gewollt. Ehrliche, schartige Abrisskanten gibt es am Ende des Tages nur, wenn Wissenschaft auf Esoterik trifft: Okzident vs. Transzendent, Analyse vs. Hypophyse, Beweis vs. Ich weiß. Joachim Bublath vs. Nina Hagen also. Bei Maischberger. Thema: "Ufos, Engel und Außerirdische." Hagen schien damals noch etwas mehr als heute diese Dreifaltigkeit in sich vereinen zu wollen. Das überforderte Bublath, immerhin ja Moderator von Wissens- und Wissenschaftssendungen. In Punchlines nachgezeichnet, ging der Untergang deshalb so:

"Mir wurde gesagt, das ist hier eine Unterhaltungssendung. Ich komme mir vor wie beim Schichtl auf dem Oktoberfest. Das ist ein Kuriositätenkabinett." (Bublath) "Ich bin ein Mensch." (Hagen) "Jetzt tut der Mann auch noch lügen." (Hagen) "George W. Bush sagt, bald werden wir auf dem Mond leben und bald werden wir auf dem Mars leben. Warum sagt denn der so was? Warum können wir denn nicht auf der Erde leben?" (Hagen) "Ich will nicht unhöflich sein, aber ich gehe." (Bublath)

Jakob Biazza

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Eva Herman bei "Johannes B. Kerner", 9. Oktober 2007

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Quelle: ZDF

Es war ein Eklat mit Ansage: Am 9. Oktober 2007 warf Johannes B. Kerner die frühere "Tagesschau"-Moderatorin Eva Herman aus seiner ZDF-Talkshow zum Thema Geschlechterrollen. Dass es so kommen würde, war abzusehen. Nur einen Monat vorher hatte der NDR Herman gekündigt, nachdem sie in ihrem Buch "Das Prinzip Arche Noah" die Familienpolitik während des Nationalsozialismus thematisiert hatte - in einer Weise, die als zustimmend bewertet werden konnte. In Kerners Sendung wollte sich Herman partout nicht so weit von ihren Aussagen distanzieren, wie es der Moderator und die drei weiteren Gäste Senta Berger, Margarethe Schreinemakers und Mario Barth gerne hören wollten. Nach persönlichen Angriffen von Schreinemakers' auf ihre Duz-"Freundin" Herman und einer Wutrede Bergers bat Kerner die umstrittene Autorin höflich um ihren Abgang. Sie kam dem Wunsch umgehend nach. Bitterer Nachgeschmack: Das Ganze wirkte inszeniert und übertrieben. Manche Kommentatoren fragten sich, wie wichtig es wirklich ist, wenn sich jemand mit missverständlichen Äußerungen PR-wirksam ins falsche Licht setzt. "Bei Kerner saß also nicht Eva Braun, sondern Eva H., die beim Denken leicht oszilliert, weil sie mit der Sprache und mit den Gedanken nicht ganz im Reinen ist", kommentierte die SZ damals. (...) "Es ging um nichts, aber das mit großer Wichtigkeit."

Paul Katzenberger

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Karin Struck in der "NDR Talk Show", 3. Juli 1992

Eklat in der NDR-Talkshow

Quelle: NDR

Eine Talkshow kann gefährlich sein. Nicht nur für Ruf und Seelenheil der Talkenden, sondern auch für die Zuschauer. Am Ende dieses Gerangels in der "NDR Talk Show" hört man, es ist unklar woher im Studio, die Worte: "Karin, du blutest!" Karin Struck hat da gerade ein Weinglas Richtung Publikum gepfeffert, ihrer Mikrofonverkabelung hinterher, die sie sich kurz davor sehr sichtbar aus der Unterwäsche gezerrt hatte. Die Schriftstellerin und Abtreibungsgegnerin ist mit Angela Merkel und dem Moderator der Sendung, Wolf Schneider, aneinandergeraten, will keinen der beiden ausreden lassen. "Keine allgemeinen Schwabbeleien" unterbricht Struck Merkels Ausführungen über die Aufklärungsarbeit des Ministeriums für Frauen und Jugend, dem sie damals vorstand. Wolf Schneider will ihr das nicht durchgehen lassen. Aber Struck ist in Rage: "Sie haben mir einen Zettel geschrieben, ich soll noch bleiben. Ich weiß nicht, wie lange ich noch bleiben soll. Soll ich jetzt gleich gehen?" Sie geht dann auch, unter hämischem Applaus des Publikums, aber eben erst nach der Mikrofonverkabelung und nach dem Weinglas, das man zersplittern hört. Und Angela Merkel? Merkelt schon damals weiter in diesem "Jetzt ist aber mal gut"-Ton einer vernünftigen Lehrerin, die bei zwei sich kloppenden Jungs auf dem Schulhof dazwischengeht: "Ich glaube, Erpressung kann nicht das Motto dieser Sendung sein."

Kathleen Hildebrand

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Nikel Pallat (Ton Steine Scherben) in "Ende offen", 1971

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Quelle: WDR

Die Axt in der Kunst, da gibt es wenig Unterschied zur Axt im Wald, ist ein grobes Instrument. Ein brutales Mittel. Die Axt ist Zerstörung, die Axt ist die Aufrüttelung des Status quo. Und keine Band hat den Status quo der alten BRD mehr aufgerüttelt als Rio Reiser und Ton Steine Scherben. Weshalb die berühmteste Axt der TV-Geschichte konsequenterweise auch dem Scherben-Musiker Nikel Pallat gehört. Der Westdeutsche Rundfunk, 1971, die Sendung heißt "Ende offen". Rauchende, langhaarige Männer streiten über Musik und Kommerz. "Das Fernsehen macht hier so eine scheißliberale Veranstaltung, an der Unterdrückung aber ändert sich nichts", sagt Pallat. Und damit überhaupt noch was passieren könne, müsse er jetzt diesen Tisch kaputt machen. Pallat greift zum mitgebrachten Beil und hackt auf den Tisch ein. Doch der hält. Ein großer trauriger Moment, der viel sagt über die Widerstandsfähigkeit des Kapitalismus und die Wirkungslosigkeit von Protest.

Julian Dörr

© SZ.de/cag/dd

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