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"Weekend of a Champion" auf Servus TV:Als Boxenluder nur ein Autogramm wollten

"Weekend of a Champion"

Jackie Stewart beim Großen Preis von Monte Carlo im Jahr 1971

(Foto: RP Productions)

So war die Formel 1 vor mehr als 40 Jahren: Roman Polanski hat 1971 den Rennfahrer Jackie Stewart beim Grand Prix von Monaco begleitet. Servus TV zeigt eine der seltenen Dokumentationen des berühmten Regisseurs - und ein wunderbares Zeitdokument des Motorsports.

Von Matthias Kohlmaier

Zwei Worte sind es, die den ambitionierten Fernsehzuschauer derzeit unglücklich zurücklassen: Sommer und WM. Natürlich ist schon seit vielen Jahren vom TV-Programm in den Monaten Juni bis August wenig zu erwarten. Die Programmplaner spulen während des wenig quotenträchtigen Sommers Wiederholung um Wiederholung ab, versenden Flops aus der Vergangenheit, das Übliche. Wenn dann auch noch ein großes Fußballturnier stattfindet, bei dem schon das Eröffnungsspiel - ohne DFB-Beteiligung - fast 16 Millionen Zuschauer bindet, dann ist erst recht nicht mit frischer Bewegtbildware zu rechnen.

Umso schöner, wenn sich nach langer Suche doch eine Perle im Programm findet, eine Erstausstrahlung sogar: Am Mittwochabend zeigt der Red-Bull-Sender Servus TV die Dokumentation Weekend of a Champion - 72 Stunden Adrenalin erstmals im Free TV. Der Film ist eine der ganz wenigen Dokumentationen von Roman Polanski. Der Regisseur hat 1971 seinen Freund, den damaligen Formel-1-Fahrer Jackie Stewart, ein Wochenende lang beim Rennen in Monte Carlo begleitet.

"Nostalgie für eine wundervolle Ära"

Herausgekommen ist ein wundervoll intimes Zeitdokument eines Sports, der durch viele sehr sinnvolle Maßnahmen heute um ein Vielfaches sicherer geworden ist als seinerzeit, aber auch eine Menge Charme eingebüßt hat. In Weekend of a Champion sind die Boxen der einzelen Rennställe noch schmutzig und nicht klinisch rein, dem Sieger des Wochenendes wird noch der große schwere Triumphkranz umgehängt.

Das produziert beim Zuschauer ein warmes Gefühl der Nostalgie. Stewart, von (vornehmlich weiblichen) Autogrammjägern belagert, mit Schiebermütze, wehendem Haar und langen Koteletten, dazu die aerodynamisch so gar nicht perfekten Rennautos. Herrlich. "Ich wollte damals einen Film machen über einen Freund, einen großen Champion und faszinierenden Mann", sagt Polanski heute über den Film. Des Materials hat er sich aufgrund ganz ähnlicher Gefühle nochmal angenommen, wie sie der fertige Film nun beim Zusehen auslöst: "Aus sentimentalen Gründen, Nostalgie für eine wundervolle Ära."

Denn es ist nicht so, dass 2014 einfach der Film von 1972 - damals wurde die Dokumentation auf der Berlinale gezeigt - ausgestrahlt wird. Polanski hat das Material komplett überarbeitet, neu geschnitten und vertont und die alte Fassung um etwa 30 Minuten gekürzt. Das schönste daran: 40 Jahre nach den Dreharbeiten in Monaco haben sich die Freunde Polanski und Stewart nochmal gemeinsam vor die Kamera gesetzt, den Film gesehen und über alte Zeiten geplaudert. Mit etwas kürzeren Haaren und ohne Koteletten.

Karo des stolzen Schotten

Vor mehr als vier Jahrzehnten hatten sie diese bahnbrechende Einstellung gedreht, in der Kameramann Frank Simon erstmals eine On-Board-Kamera an Stewarts Auto schnallte und der im Regen von Monte Carlo einen Runde auf dem Stadtkurs drehte. "Durch die Kamera können Sie sehen, was der Fahrer bei solchen Wetterbedingungen gesehen hat - nicht viel", sagt Polanski. Der berühmte Tunnel unter dem Fairmont Hotel ist wie ein schwarzes Loch, in das der Fahrer fast blind eintaucht. Faszinierende Bilder sind das.

Ganz am Ende von Weekend of a Champion sitzen Stewart und Polanski gemeinsam im Auto und fahren die Strecke in Monte Carlo nochmal ab, der mittlerweile 75-jährige Stewart doziert über Leitplanken und Randsteine. Die Schiebermütze im Karomuster des stolzen Schotten trägt er noch immer auf dem Kopf.

Weekend of a Champion - 72 Stunden Adrenalin, Servus TV, 21:15 Uhr

"Weekend of a Champion"

Mehr als 40 Jahre nach dem Wochenende in Monte Carlo trafen Regisseur Roman Polanski (l.) und Ex-Rennfahrer Jackie Stewart wieder vor der Kamera aufeinander.

(Foto: © RP Productions)

Anmerkung: Der Film lag zur Voransicht nur in der englischen Originalfassung vor. Servus TV kündigte jedoch an, für die noch ausstehende TV-Synchronisation mit Dietmar Wunder eine vielen Zusehern sehr bekannte Stimme gewonnen zu haben. Wunder synchronisiert unter anderem James-Bond-Darsteller Daniel Craig.

© SZ.de/pak
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