Öffentlich-rechtlicher Rundfunk WDR hat Ärger mit seiner Kunstsammlung

Gruppenbild mit Damen: In den Büros der ARD-Intendanten hängt eine Vielzahl von Gemälden, die ein bisschen wertvoller sind als diese Aufnahme.

(Foto: MDR/Imago; Montage: SZ )

Intendant Buhrow tut sich schwer damit, die sendereigenen Gemälde zu verkaufen. Aber warum besitzen die öffentlich-rechtlichen Anstalten überhaupt solche Werke? Eine Spurensuche.

Von Viola Schenz

Er hatte es doch gut gemeint. Der WDR muss sparen, bis zu 100 Millionen Euro jährlich bis 2020, sonst droht dem Sender ein Milliardendefizit. Also hat Intendant Tom Buhrow sich sein Haus angesehen, nach Gelegenheiten gesucht, nicht nur weniger auszugeben, sondern vielleicht sogar etwas einzunehmen. Und er fand Gelegenheiten. Die WDR-eigene Bibliothek soll verkauft werden, auch von Teilen der Kunstsammlung will Buhrow sich trennen. 600 Bilder und Skulpturen hängen und stehen beim WDR, darunter Bilder von Emil Nolde, Oskar Kokoschka, Ernst Ludwig Kirchner und Max Beckmann.

Im kommenden Frühjahr sollen 50 davon bei Sotheby's in London versteigert werden. Doch es kann sein, dass daraus nun doch nichts wird: Nordrhein-Westfalens SPD-Kulturministerin Ute Schäfer will die Kirchner- und Beckmann-Bilder als national wertvolles Kulturgut deklarieren. Vorerst dürfen die Werke nicht außer Landes gebracht werden.

Buhrows Verkaufsidee hat die öffentliche Aufmerksamkeit - womöglich zum Missfallen seiner Intendantenkollegen - auf die Tatsache gelenkt, dass nicht nur der WDR reichlich Kunst besitzt, sondern auch andere öffentlich-rechtliche Sender. Und plötzlich steht eine Frage im Raum: Welche Schätze lagern eigentlich sonst noch in den Kellern der gebührenfinanzierten Anstalten. Und vor allem: Warum?

Beim Hessischen Rundfunk gibt es nach Senderangaben "etwa 600 Objekte, Gemälde, Zeichnungen und Grafiken", erworben in den letzten 40 Jahren, beim ZDF 150 Kunstobjekte. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hat 350 Werke, der BR "einen Bestand von rund 740 Bildern". Die Schwaben hingegen sind gewohnt sparsam: "Der SWR hat sich bereits vor über 15 Jahren von seinen Kunstgegenständen getrennt. Im Bestand sind nur noch Bilder von geringem Wert", erfährt man beim Südwestrundfunk. Der MDR hat "als vergleichsweise junge Rundfunkanstalt keine Kunstsammlung", heißt es aus Leipzig.

Die Bilder lagern in Depots, aber "zumeist in den Büros der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Besprechungsräumen, et cetera" (BR), sie dienen "der Ausstattung von Redaktions- und Büroräumen, zum Teil auch der Dekoration der Studios" (WDR), oder es "schmücken etwa 50 Bilder, Skulpturen, Objekte und Fotovergrößerungen öffentliche Plätze vor dem Sender, Funkhaus-Flure, Treppenhäuser und Büros" (Radio Bremen). Der Saarländische Rundfunk (SR) macht "Teile seiner rund 300 Gemälde, Skulpturen und Fotografien in dafür geeigneten Räumlichkeiten zugänglich".

Der frühere ZDF-Intendant Dieter Stolte etwa wollte Kultur nicht allein im Fernsehen fördern

Fragt man nach den Gründen, solche Kunstwerke anzuschaffen, verweist man in den Sendern auf die Fünfziger- und Sechzigerjahre. Man verstand sich als Kulturträger, im weitesten Sinne, man beauftragte Musiker für Kompositionen, Schriftsteller für Hörspiele, aber eben auch bildende Künstler. Eine ZDF-Sprecherin erinnert an das Mäzenatentum des ehemaligen Intendanten Dieter Stolte. Der sei der Auffassung gewesen, ein öffentlich-rechtlicher Sender dürfe nicht allein im Fernsehen Kultur fördern. Gekauft wurden all die Bilder und Skulpturen in Galerien, auf Kunstauktionen, aus Katalogen oder direkt beim Künstler, "für vergleichsweise geringe Summen" (WDR).

Zuständig in den Sendern waren Kunstbeauftragte, beim WDR sogar ein Kunstausschuss. Es gehörte zum Prestige, sein Büro möglichst zeitgenössisch zu schmücken. "Das war damals so", sagt Rudolf Großkopff, Kunstbeauftragter bei NDR und RBB, "viele Unternehmen haben Kunst gekauft für ihre Firmensitze. Die Sender wollten da nicht zurückstehen." Mit dem Unterschied, dass erstere ihr Betriebsvermögen dafür verwendeten, letztere aber das Geld der Gebührenzahler.

Umstände und Gesetze begünstigten die Käufe. Als sich immer mehr Deutsche Fernsehgeräte zulegten, schossen Gebührenpflicht und damit Sendereinnahmen in die Höhe. Ein Teil musste zweckgebunden ausgegeben werden für die Kulturförderung - und die ließ sich lange Zeit sehr großzügig interpretieren. Hinzu kam, dass öffentliche Auftraggeber, also auch die Anstalten, lange verpflichtet waren, bei Neubauten einen kleinen Prozentsatz der Bausumme in moderne Kunst zu stecken. Die Vorgaben zur "Kunst am Bau" konnte man ebenfalls sehr frei auslegen; gemeint war eigentlich architektonische Kunst: "Die Kunstwerke sollen ein eigenständiger Beitrag zur Bauaufgabe sein, der einen Bezug zur Architektur bzw. zur Funktion des Bauwerks herstellt", heißt es im Leitfaden des Bundesbauministeriums. Doch es wurden auch Bilder angeschafft, die bis heute in Büros leitender Mitarbeiter hängen.

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Kontrollgremien gab es damals kaum, und niemand störte sich offenbar daran. Dass das alles legal war, steht wohl außer Frage - ob es auch legitim war, ist eine andere. Weil die Sender und ihre Finanzausstattung zunehmend hinterfragt werden, denkt man in den Chefetagen offenbar um. Jobst Plog etwa, von 1991 bis 2008 Intendant beim NDR, griff Rudolf Großkopffs Idee einer Wanderausstellung auf. Für den NDR sichtete der pensionierte Journalist daraufhin - "ehrenamtlich", wie er betont - den Bestand, um eine monothematische Sammlung zu erstellen. Er verkaufte Bilder und kaufte mit den Erlösen neue dazu. Seit 1998 wandert die Schau "Weite und Licht" durchs NDR-Land.

Die Finanzprobleme der Sender wären auch durch einen Verkauf der Kunstwerke nicht zu lösen

Inzwischen organisiert Großkopff auch beim RBB die Wanderausstellung "Land, Stadt, Land" mit Kunst aus Senderbeständen, ebenfalls ehrenamtlich. Großkopff ist mit der RBB-Intendantin Dagmar Reim verheiratet, was den 80-Jährigen aber nicht davon abhält, den ARD-Umgang mit der Kunst kritisch zu sehen. "Warum machen nicht auch die anderen Sender ihre Bestände der Öffentlichkeit zugänglich?", fragt er.

Doch eine Lösung für die Finanzprobleme der Sender sind diese Ausstellungen kaum - und auch Verkaufsaktionen wären es wohl nicht. "Die Kunstwerke weisen einen vergleichsweise überschaubaren Wert auf und würden wohl auch kein nennenswertes Marktvolumen erzielen", teilt der BR mit. Der Wert der Sammlungen hat zwar im Lauf der Jahrzehnte zugenommen, aber angesichts des beträchtlich gestiegenen Finanzbedarfs der Sender wären das "kleine Kaliber", so Großkopff. Tom Buhrow beziffert die WDR-Sammlung auf drei Millionen Euro, das entspricht lediglich drei Prozent des Betrags, den er in einem einzelnen Jahr einsparen will. Die Erlöse würden ihm also nicht viel weiterhelfen - insofern ist es fast nebensächlich, ob der WDR seine Bilder am Ende verkaufen darf.