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Rundfunk-Satire:Der Kinderchor singt, der Ministerpräsident schäumt

WDR in Köln

Der WDR kündigte den Beitrag am Freitag als eine "2019-Fridays-for-Future-Version" des Kinderliedes "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" an.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

"Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau": Mit der Satire-Version eines Kinderliederklassikers hat der WDR in NRW eine mittelschwere Landeskrise ausgelöst.

Allein Jan Böhmermann hat diesem Ereignis mindestens zwölf Tweets und Retweets gewidmet. Spätestens seit seinem Schmähgedicht gegen den türkischen Präsidenten Erdoğan - bis heute als "Erdogate" bekannt - ist der ZDF-Moderator Experte in der "Was darf Satire?"-Diskussion. Die erlebt gerade eine unverhoffte Renaissance, die zu einem handfesten Shitstorm gegen den Westdeutschen Rundfunk ausgewachsen ist.

Mit einer Sondersendung bemühte sich der Radiosender WDR 2 jetzt, die Debatte einzufangen. Doch die war ihm längst entglitten. Spitzenpolitiker haben sich in die Debatte eingeschaltet und Ministerpräsident Armin Laschet twitterte eine harsche Kritik, die den etwa 90-sekündigen Kinderchor-Song, um den es geht, auf das Ausmaß einer mittelschweren Landeskrise hat anwachsen lassen. Was war passiert?

Der WDR Kinderchor, der bislang eher für Singveranstaltungen mit der orangefarbenen Maus bekannt war, hat eine Satire-Version des Kinderliederklassikers "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" eingesungen. Es sei eine "2019-Fridays-for-Future-Version", so wurde der Song zumindest am Freitag noch im WDR2-Radio anmoderiert.

Die Großmutter im Lied fährt noch immer Motorrad, sie hat aber auch einen SUV und Kreuzfahrten mag sie auch. Allzu weit ist das eigentlich gar nicht hergeholt im Jahr 2019. Dass die etwas mehr als 30 Kinder unter der musikalischen Leitung von Zeljo Davutovic aber im Refrain "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau" singen, das geht vielen Radiohörern schlicht zu weit.

Einige reagierten derart emotional, dass der WDR eigenen Angaben zufolge sogar "bösartige Hassdrohungen und Beschimpfungen" erhielt.

Die Kinder seien instrumentalisiert worden, lautet einer der Hauptvorwürfe, mit denen WDR-2-Programmchef Jochen Rausch konfrontiert wurde. Dem Sender fehle es zudem an mangelndem Respekt gegenüber Älteren, schrieben viele Facebook- und Twitternutzer.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet wird auf Twitter deutlich:

Rundfunkrat-Mitglied spricht von "Belehrungswahn"

Auch Nordrhein-Westfalens stellvertretender Ministerpräsident Joachim Stamp (FDP) rügt die Wortwahl des Liedes: "Vielleicht sollten wir uns für das neue Jahrzehnt gemeinsam vornehmen, Menschen generell nicht als 'Säue', 'Schweine' usw. zu bezeichnen", schrieb er.

Stamps Parteikollege Thomas Nückel, der politisch zwar nicht in der ersten Reihe der Minister sitzt, dafür aber einen Stuhl im WDR-Rundfunk hat, erklärte Satire dürfe nicht in die "Gefahrenzone von Hetze" geraten. Und: "Kinder für Belehrungswahn zu instrumentalisieren ist unterirdisch."

Während auf Twitter bereits viele Nutzer den Satire-Beitrag zum Anlass nahmen, um generell gegen den Rundfunkbeitrag auszuholen, bemühte sich WDR-2-Programmchef Jochen Rausch in der Sondersendung nach den 18-Uhr-Nachrichten klarzustellen, dass der WDR "ein Sender für die Menschen in Nordrhein-Westfalen" sei. Er habe "einen Fehler gemacht", räumt er ein. "Ich glaube, der Auslöser ist letztendlich dieser Terminus Umweltsau - und der passt auch für mich nicht in unser Programm", sagt er im Gespräch mit einer Hörerin, die per Telefon zugeschaltet war. Man habe "mit einem sehr großen Hammer auf einen relativ kleinen Nagel gehauen".

Noch vom Krankenbett seines 92-jährigen Vaters aus ließ sich schließlich WDR-Intendant Tom Buhrow zuschalten, um von höchster Stelle eine Entschuldigung an die Hörer zu senden: "Das Video mit dem verunglückten Oma-Lied war ein Fehler und ich entschuldige mich ohne Wenn und Aber dafür." Im Januar übernimmt Buhrow den ARD-Vorsitz.

Gelöscht hatte der WDR das Video zum Zeitpunkt von Buhrows Live-Entschuldigung bereits seit Stunden. Das Netz aber vergisst so schnell nicht. Mehr als 38 000 Tweets mit dem Hashtag Umweltsau zählte Twitter am Samstagabend. Die Diskussion dürfte noch lange nicht ausgestanden sein.

Allerdings gibt es auch viele versöhnliche Stimmen. "Die Kinder von heute sind echt verwöhnt. Ihre Oma ist bloß #Umweltsau, meine war noch Nazi", heißt es in einem Twitterpost. Den fand übrigens auch das Enfant terrible der Öffentlich-Rechtlichen und Mitbegründer der "Was darf Satire"-Debatten gut. Jan Böhmermann gefällt das.

© SZ.de

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