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WDR-Talk in der Kritik:Die Zerknirschung

Die letzte Instanz - Der Meinungstalk mit Steffen Hallaschka

Moderator Steffen Hallaschka (l.) mit den Gästen (v.l.n.r.) Schlagersänger Jürgen Milski, Autor und Moderator Micky Beisenherz, Schauspielerin Janine Kunze und Entertainer Thomas Gottschalk.

(Foto: Max Kohr/WDR)

Auch wenn der WDR für die Sendung "Die letzte Instanz" um Entschuldigung bittet, bleibt die Frage: Wie macht der Sender eigentlich sein Programm?

Von Aurelie von Blazekovic

"Die nachfolgende Sendung steht aktuell unter starker Kritik - und das zurecht." So lautet die Einblendung in der WDR-Mediathek vor der Talksendung Die letzte Instanz, die seit dem Wochenende für Kritik und einige Entschuldigungen sorgt. Im "Meinungstalk mit Steffen Hallaschka", einer Sendung, von der man bisher wenig bis nichts hörte und dessen Moderator bisher auch nicht für kontroverses Auftreten bekannt war, sah man recht dumpfes Stammtischgerede darüber, was man heute alles nicht mehr sagen darf. Es ging um Grillsoße und Pippi Langstrumpf, und dazu fiel nichts, was man nicht in etlichen deutschen Wohnzimmern und Vereinsstuben auch hören würde.

Der WDR bat dafür am Sonntag auf Twitter um Entschuldigung: "Der Verlauf der Sendung war nicht, wie wir es geplant und uns vorgestellt hatten." Aber warum wurde die bereits im November ausgestrahlte Sendung dann sogar zwei Monate später noch wiederholt? Der WDR verweist bei dieser Frage auf ein am Montagnachmittag veröffentlichtes Interview mit der WDR-Unterhaltungschefin Karin Kuhn. "Die Sensibilität kam in diesem Fall leider erst durch die zu Recht große Empörung. Warum man erst von außen bei dieser Folge darauf gestoßen werden muss, besprechen wir gerade mit allen Beteiligten."

Bei Die letzte Instanz sollen "kontroverse Themen auf unterhaltsame Weise diskutiert werden". Steffen Hallaschka nennt die Sendung eingangs humorig "Ihren Meinungsbringservice im WDR-Fernsehen", und als er noch anfügt, "Widerspruch ist Teil des Spiels", bewahrheitet sich das später kein bisschen. Denn die Gäste sind sich einig darin, was übertriebene politische Korrektheit bedeutet. Verantwortlich für den Disclaimer vor der Sendung ist folgendes Meinungs-"Spiel": "Das Ende der Zigeunersoße: Ist das ein notwendiger Schritt?" Als Meinungslieferanten dazu sind geladen: Showmaster-Urgestein Thomas Gottschalk, Moderator und Autor Micky Beisenherz, Schauspielerin Janine Kunze (bekannt aus Hausmeister Krause) und Schlagersänger Jürgen Milski (bekannt aus der ersten Staffel von Big Brother).

Anders als beim Videobeweis ist man sich bei Diskriminierung einig

Da diese Sendung den Anspruch hat, Themen letztinstanzlich zu klären, müssen Gäste und Zuschauer über die kontroversen Fragen mit Karten abstimmen: Grün ist Ja, rot ist Nein. Beispiel: Ist der Videobeweis im Fußball ein Fortschritt? Gottschalk und Beisenherz sagen Nein, Kunze und Milski Ja. Während da also ein recht diverses Meinungsbild herrscht, ist man sich bei der Frage, ob ein Wort diskriminierend ist, einig: "Ich komm aus 'ner Generation, wo das überhaupt kein Problem war, im Restaurant ein Zigeunerschnitzel zu bestellen" (Milski), "Wir haben früher auch Mohrenkopfbrötchen gesagt" (Kunze), "Ich bin ja jemand, der seine Karriere darauf begründet hat, dass er erst geredet und dann gedacht hat" (Gottschalk).

Auslöser und Anlass dieses argumentativen Schmorens im eigenen Saft war die Entscheidung einiger Soßenhersteller, die in deutschen Wohnzimmern und Vereinsstuben gerne zur Bratwurst genossene Soße nun "Paprikasoße ungarischer Art" zu nennen. Der betont lustige Einspieler in der Sendung erwähnt jedoch nicht, dass unter den "Empörten" zum Beispiel auch der Zentralrat der Sinti und Roma ist, und warum der seit Jahren gegen den Begriff kämpft.

Weiter geht der überaus einfältige Einspieler so: "Na Prost, jetzt kann man nicht mal mehr Zigeuner sagen, ohne selbst im Verdacht zu stehen, kräftig braune Soße anrühren zu wollen. Da brat mir doch einer 'nen Vogel ohne festen Wohnsitz (Bild eines Storchs eingeblendet) - Oder wie heißt das jetzt politisch korrekt?"

"Rückblickend ist uns klar", sagt der WDR, "bei so einem sensiblen Thema hätten unbedingt auch Menschen mitdiskutieren sollen, die andere Perspektiven mitbringen und / oder direkt davon betroffen sind." Zu dieser Einsicht kamen auch Gäste des Abends: Janine Kunze und Micky Beisenherz entschuldigten sich auf Twitter und Instagram für ihren Auftritt. Beisenherz bedauert heute vor allem, sich in der Sendung zu dem Gerede nicht geäußert zu haben: "Eine Sendung, in der vier Kartoffeln sitzen und mittels Karten über Rassismus abstimmen, hat ein Problem."

Im Sichentschuldigen hat der WDR inzwischen eine gewisse Routine

Die Frage ist, wie die sowohl aus journalistischen wie unterhaltungstechnischen Gründen höchst einfältige Idee zustande gekommen ist, vier Menschen mit ähnlichen Erfahrungswerten (also keinen) zum Thema rassistische Diskriminierung diskutieren und abstimmen zu lassen. Und warum der Moderator Hallaschka seinen Job nicht gemacht hat. Am Montag bat er auf Facebook ausführlich um Entschuldigung: "Den Verlauf unserer Diskussion hätte auch ich mir anders gewünscht."

Der Disclaimer vor der Sendung schließt versöhnlich so ab: "Wir lernen daraus und werden das besser machen. Der Kritik an der Sendung müssen und wollen wir uns stellen und haben daher entschieden, diese aus Transparenzgründen in der Mediathek zu belassen."

Im Sichentschuldigen hat der WDR inzwischen eine gewisse Routine: Vor ein paar Monaten gab es Ärger mit der Kabarettsendung Mitternachtsspitzen, in der Lisa Eckhart mit Antisemitismus, je nach Überzeugung, spielte oder ihn schlicht replizierte. Und natürlich der Umweltsau-Satire. Für den Kinderchor, der Omas als Umweltsünderinnen verunglimpfte, entschuldigte sich Intendant Tom Buhrow sogar.

Es ist halt auch immer die Frage, welche Gäste man sich einlädt, um möglichst volksnah rüberzukommen. Der Reality-Star und WDR-Gast Jürgen Milski bleibt in der Sendung störrisch: "Daran sieht man, wie wenig Humor in Deutschland noch herrscht, find ich ganz erschreckend."

© SZ/cag
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