Washington-Post-Experte Wer redet, riskiert einen teuren Prozess

Harvey Weinstein hatte die Anwälte und die PR-Leute, um alle einzuschüchtern, die etwas gegen ihn sagen wollten.

(Foto: dpa)

Harvey Weinsteins Einfluss auf die US-Medien war enorm, etliche haben die Missbrauchsvorwürfe offenbar lange verschwiegen. Paul Farhi, Medienexperte der "Washington Post", über das Machtverhältnis zwischen dem Filmboss und Journalisten.

Interview von Carolin Gasteiger

Während immer mehr Prominente gegen Harvey Weinstein Position beziehen, erreicht der Skandal um die mutmaßlichen sexuellen Übergriffe des Miramax-Mitgründers die amerikanische Medienbranche. Die Washington Post etwa fragt, ob Journalisten Weinstein indirekt geholfen hätten, die Übergriffe zu vertuschen. Und der Observer verlangt nach einem selbstkritischen "Blick in den Spiegel". Paul Farhi, der den Skandal als Medienexperte bei der Post begleitet, sprach mit der SZ.

SZ: Herr Farhi, wie ist das Verhältnis zwischen Harvey Weinstein und den amerikanischen Medien?

Paul Farhi: Zunächst geht es vor allem um Geld. In gewisser Weise haben die Weinsteins das Film-Marketing revolutioniert. Sie betrieben großen Aufwand mit Werbemaßnahmen, also großformatigen Anzeigen und Filmvorführungen für Jury-Mitglieder, um Preise zu gewinnen. Vor allem vor den Oscars.

Wer zahlt, schafft an? So banal kann es doch nicht sein. Schließlich werben doch heute alle Filmfirmen vor den Academy Awards für ihre Filme.

In den frühen Neunzigern war das aber noch nicht normal. Weinstein gehörte zu den Ersten, die echte Kampagnen lancierten, Schauspieler als Testimonials für die Filme werben ließen und gezielt auf die Mitglieder der Oscar-Academy zugingen. Schließlich bringen Auszeichnungen Prestige und hohe Einnahmen an den Kinokassen. Und Medien leben nun mal von den Anzeigen.

Weinsteins Einfluss scheint aber darüber hinaus zu gehen. Das US-Sendernetzwerk NBC weigerte sich, eine Story über Weinsteins sexuelle Übergriffe zu veröffentlichen. Autor Ronan Farrow brachte sie schließlich beim Konkurrenzblatt The New Yorker unter. Verstehen Sie, warum NBC zurückzog?

Ich vermute, aus zwei Gründen: Zum einen wollte NBC wohl seine Geschäftsinteressen wahren. Das Netzwerk betreibt so viele Unterhaltungssender, auf denen von Weinstein produzierte Shows laufen oder laufen könnten. Den Umsatzausfall wollten wahrscheinlich einige Verantwortliche bei NBC nicht riskieren. Zum anderen haben seine Anwälte wohl beim Sender angerufen, lange bevor die Story fertig war.

Um Reporter einzuschüchtern?

Warum sollten Anwälte in einer Redaktion anrufen, wenn nicht, um mit einer Klage zu drohen? Anders gefragt: Warum stoppt NBC eine Story, an der bereits so lange gearbeitet worden ist? Farrow war da ja schon acht, neun Monate dran und hatte genügend belastendes Material gesammelt. Ich kann nur spekulieren, aber sicher ist: NBC steht gerade nicht gut da. Zumal der Sender im vergangenen Jahr schon einmal im Verdacht stand, prekäre Informationen zurückzuhalten. NBC weigerte sich damals, das Video zu veröffentlichen, in dem Trump damit angibt, Frauen belästigt zu haben.

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Der Fall Weinstein erinnert an die US-Moderatoren Bill O'Reilly und Roger Ailes, die ihre Position missbrauchten, um junge Frauen zu belästigen. Muss man da nicht von einem Systemversagen sprechen?

Diese Fälle sind relativ unterschiedlich. Roger Ailes' Vergehen war höchst unmoralisch, aber nicht mehr. Weinstein hingegen verhielt sich kriminell. Es geht ja um potenzielle Vergewaltigung.

Viele in der Medienbranche wussten offenbar Bescheid über Weinsteins Verhalten. Und doch feiern alle die Enthüllungen als Coup. Zu Recht?

Auf jeden Fall. Einige sehr gute Journalisten konnten die Barrieren um Weinstein einreißen. In einer Art, in der es niemandem zuvor gelungen ist. Zwar haben viele gemeint, sie hätten davon gehört oder etwas gesehen. Aber vervollständigt und zusammengesetzt haben den Fall eben die New York Times und der New Yorker. Und dafür verdienen sie größten Respekt.

Ob Journalisten oder Schauspielerinnen - wie konnten so viele so lange schweigen?

Alle hatten einen Grund, zu schweigen. Die Schauspielerinnen haben geschwiegen, um ihre Karriere nicht zu riskieren. Sie wussten, dass Weinstein diese ruinieren konnte und das tat er in manchen Fällen ja auch. Es gab wohl so etwas einen Code des Schweigens, der sich immer weiter verbreitete. Und sobald jemand anfing, darüber zu sprechen, griff Weinstein umgehend an. Er hatte schließlich die Anwälte und die PR-Leute, um Menschen anzuschwärzen.

Und diese Angst herrschte auch in den Medien?

Natürlich. Weinsteins Anwalt Charles Harder (Harder gilt als einer, wenn nicht der Top-Medienanwalt in der amerikanischen Unterhaltungsbranche, Anm. d. Red.) hat angesichts der aktuellen Vorwürfe gegen seinen Mandanten genau das angekündigt: Er will die New York Times verklagen. Man kann solche Dinge nicht über Menschen wie Weinstein sagen und schreiben, ohne einen sehr teuren Prozess zu riskieren.

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