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Was liest man im Osten?:Statusunterschiede führen zu Kaufunterschieden

Statusunterschiede führen zu Kaufkraftunterschieden: Heftpreise um sechs Euro werden in den neuen Ländern selten akzeptiert, sagt der Kölner Zeitschriftenforscher Andreas Vogel. Magazine wie Das Magazin oder das Satireheft Eulenspiegel seien zwar "Bückware" in der DDR gewesen, waren aber trotzdem preiswert. Heute kosten Zeitschriften mehr. Fernsehen ist dagegen kostenlos: Seit Jahren steigt im Osten der TV-Konsum, durchschnittlich 52 Minuten schauen die Menschen in den neuen Bundesländern länger fern am Tag als in den alten. Dass die Programmzeitschrift TV 14 der absolute Top-Seller im Osten ist - noch vor der Super Illu - liegt also auf der Hand. Alle zwei Wochen werden mehr als eine halbe Million TV-14-Exemplare verkauft. Auch TV Spielfilm, TV Digital und TV Movie laufen gut.

Beliebt ist auch die TV Today - ein Drittel der Auflage verkauft das Heft im Osten. Das liegt vor allem daran, dass die Abonnenten der 1996 eingestellten DDR-TV-Zeitschrift FF dabei die TV Today erhielten. Noch heute liegt dem Burda-Blatt ein mehrseitiges FF dabei-Supplement bei.

Nach der Wende hatten die großen westdeutschen Verlage versucht, ostdeutsche Titel zu erhalten und den neuen Markt im Osten zu versorgen. Die in der Theorie gut ausgedachten Experimente scheiterten oft, weil die neuen Bundesbürger anfangs mehr an Westzeitschriften interessiert waren und weil die Verlage auch nicht den richtigen Ton trafen. Auch das große Hamburger Verlagshaus Gruner+Jahr gab bald entnervt auf: Das Magazin sollte in einen Ost-Playboy verwandelt werden, doch bereits 1992 ließen die G+J-Manager davon wieder ab, 1997 beendeten sie dann auch ihr Engagement bei der angesehenen Wochenpost.

Die DDR-Titel, die sich halten konnten, sind heute die Zeitschriften mit dem größten Anteil an verkaufter Auflage in den neuen Ländern: egal ob das nun Guter Rat ist, Das Magazin oder Auto Straßenverkehr.

Mit Ausnahme des Berliner Magazin zeichnen sich diese Blätter vor allem durch schnörkellosen Verbraucherjournalismus aus: Die größten Fallen im Internet, die preiswertesten Säfte, die besten Kauftipps für gebrauchte Wohnanhänger. So Sachen eben. Mit konkreten Hinweisen wird dem Lesern Halt geboten im immer undurchsichtigeren Kapitalismus. Außerdem schonen sie mit Copypreisen um 1,40 Euro den Geldbeutel.

Auch bei den Frauenzeitschriften zeigt sich, dass der Preis einen wichtigen Kaufreiz darstellt. Mach mal Pause, Viel Spaß, Glücksrevue und Freizeitwoche haben die höchsten Ost-Anteile innerhalb ihrer Reichweiten: Fast jede zweite Ausgabe von Mach mal Pause wird in ostdeutschen Wohnzimmern durchgeblättert. Die anspruchsvollere Brigitte findet nur etwa jeden zehnten Leser in den neuen Bundesländern.

Zwei Trends zeichnen sich gegenwärtig ab. Zum einen setzen sich Hefte, die nach 1990 auf den Markt kamen, meistens besser im Osten durch als im Westen - so National Geographic, Neon oder Computer Bild. Zum anderen verlangen Jugendliche aus Ost und West an den Kiosken heute überwiegend das Gleiche: die gute und alte Bravo.

© SZ vom 06.11.2010/berr
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