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Wallraff und die "Bild"-Zeitung:"Die Macht des Blattes ist unheimlich"

Nun ist der so lange gesperrte Hans-Esser-Film keineswegs ein Knaller, eher ein Stück Geschichtsfernsehen. Er zeigt im Stile von 1977, als noch viel im Fernsehen geraucht wurde, wie sich Wallraff auf seine Bild-Aktion vorbereitet, wie er sie durchführt. Und einmal fällt der Satz, der auch als Motiv seiner Vorgehensweise gelten kann: "Die Macht des Blattes ist unheimlich."

Fragt man ihn, wie er das inzwischen sieht, kommt er zu einem durchaus differenzierten Urteil. "Das Unheimliche ist heute, dass sich so viele dem Blatt unterwerfen oder anbiedern. Es gibt zu wenige, die Bild noch die Stirn bieten. Aber die Macht funktioniert nicht mehr in allen Gesellschaftsbereichen", sagt er.

In der 15-minütigen Neuproduktion mit Döpfner, die direkt nach dem Esser-Film gezeigt wird, lobt dieser Wallraff dafür, dass er damals die journalistische Form des Undercover-Journalismus etabliert habe. Zudem sieht er die damalige Bild-Truppe nicht durchweg als Ansammlung von Unschuldigen. "Und es ist ja sicher auch so, dass Bild aus heutiger Sicht damals nicht alles richtig gemacht hat", sagt er.

Zudem verspricht er Aufklärung bei einer Aktion des Bundesnachrichtendienstes, bei der Wallraffs Telefon angezapft wurde und alle Gespräche auch in der Kölner Bild-Redaktion gehört werden konnten. Das wolle man aufklären, sagt Döpfner. "Wir sind gerade mitten dabei, das minutiös zu ergründen. Und dann auch transparent zu machen."

Fragt man Wallraff, ob ihm Döpfners Aussagen eine Befriedigung sind, antwortet er ungewohnt diplomatisch: "Ich nehme ihn beim Wort und bin gespannt auf das Ergebnis", sagt er und bescheinigt dem Vorstandsvorsitzenden durchaus den Willen zur Wende. "Ich habe den Eindruck, er möchte aus dieser ganz stramm konservativen Ecke raus, und das sollte man ernst nehmen."

Unverändert bissig haut Wallraff indes auf Bild ein. In einem für die Otto-Brenner-Stiftung geführten Interview nennt er Bild einen "therapieverweigernden Triebtäter". Fragt man ihn, ob das nicht eine Nummer zu hart formuliert sei, ist Wallraff wieder auf den Barrikaden. "Die haben es doch immer mit den Triebtätern. Ich bleibe da nur im Bild. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil".

Schwarz auf Weiß. ARD, 23.30 Uhr; Die lange Günter-Wallraff-Nacht, Samstag, WDR, von 23.30 Uhr an, beginnend mit Der Mann, der bei Bild Hans Esser war.