Wahlkampf in den US-Medien:"Pants on fire"

Lesezeit: 5 min

Meinungsforscher wissen, dass viele Leute einfach ihre Vorurteile erfüllt sehen wollen. Obama gilt den Konservativen als Sozialist, weshalb ein Clip in Dauerschleife läuft, der ihm vorwirft, die Regeln für die Vergabe von Sozialhilfe gelockert zu haben - obwohl man dafür schon ein "Pants on fire" kassiert hat.

Die Demokraten investieren Millionen in einen Spot, der nahelegt, Romney sei für den Tod der Frau eines Stahlarbeiters mitverantwortlich. Schließlich habe die von ihm aufgebaute Investmentfirma Bain Capital den Mann entlassen, wodurch die Familie ihre Krankenversicherung verloren habe. Dass die Frau erst Jahre nach Romneys Abschied von Bain Capital starb, stört Obamas Helfer ebenso wenig wie Kesslers vier Pinocchios - sie wollen Romney als eiskalten Kapitalisten brandmarken. (Details lesen Sie in diesem Süddeutsche.de-Artikel)

Das Verhältnis zu den Wahlkampfzentralen sei professionell, sagt Lori Robertson, Chefin von Dienst beim Portal Factcheck.org. Oft würden die Berater zu neuen Videos einen Beipackzettel mit Links schicken, die ihre Behauptungen stützen sollen, so die 41-Jährige. Die Reaktionen seien vorhersehbar: "Wenn wir den Gegner entlarven, dann landet unser Artikel womöglich als Beleg in einem Werbespot. Die Kritik an ihrem eigenen Vorgehen führt nur selten zu Einsicht".

Factcheck.org, deren sechs Mitarbeiter von einer gemeinnützigen Stiftung bezahlt werden, wurde 2003 von dem CNN-Veteranen Brooks Jackson gegründet und versteht sich als Anwalt der Verbraucher. Der Klage, der aktuelle Wahlkampf sei der schmutzigste aller Zeiten, kann Robertson nicht zustimmen: "Dieses Gefühl hat man alle vier Jahre."

"Bei uns liegt der Maßstab noch etwas höher"

Andere Medien können die Texte von Factcheck.org kostenlos übernehmen, das tun zum Beispiel USA Today, die auflagenstärkste Zeitung Amerikas, und Yahoo - so erreichen die Checker ein großes Publikum. Die Nachfrage wächst kontinuierlich. Besonders genau wird das Urteil der Factchecker nach den drei TV-Duellen der Kandidaten verfolgt - kommenden Mittwoch diskutieren Obama und Romney das erste Mal. "Wir werden über Twitter Links zu den Statements verschicken, die wir schon geprüft haben", sagt Robertson. Anschließend werde bis zum frühen Morgen an einer Bilanz gearbeitet. Auch Kessler und Adairs Team planen keine umfassende Live-Berichterstattung, sie prüfen lieber sorgfältig. Glaubwürdigkeit ist das höchste Gut der Factchecker. "Kein Journalist will Fehler machen, aber bei uns liegt der Maßstab noch etwas höher", so Robertson.

Die Faktenprüfer eint die Hoffnung, dass Wähler die Politiker für ihre Lügen irgendwann bestrafen werden. Bill Adair ist überzeugt, dass diese Form des Journalismus weltweit etabliert wird. In Schweden, Norwegen, Spanien, Frankreich und Großbritannien existierten bereits ähnliche Websites; in Ägypten messe das Morsi-Meter, inspiriert durch PolitiFacts Obameter, welche Versprechen der neue Präsident einhalte. In elf US-Bundesstaaten seien seine Mitarbeiter dabei, die Aussagen von Gouverneuren und Bürgermeistern zu prüfen. Er wünsche sich, sagt Adair, "dass sich jeder Politiker in Amerika dem Truth-O-Meter stellen muss".

Linktipp: Michael Dobbs, der erste Fact Checker der Washington Post, hat die "Geschichte des politischen Fact-Checking" in einer Studie der New America Foundation nachgezeichnet.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema