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Wahl im ORF:Konstruktiver Argwohn

Wer führt künftig den ORF? Die Wahl des Generaldirektors des österreichischen Rundfunks beschäftigt die Nation wie sonst allenfalls die Bildung einer Regierung - aber sie ist längst entschieden.

Das viel zitierte Wort von Papst Paul VI., Österreich sei eine "Insel der Seligen", könnte man noch heute für gültig befinden. Etwa in der Tatsache, dass dort in Sachen Information das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem eine herausragende Rolle spielt. Im Auftrag der Unabhängigkeit ein möglichst ausgewogenes Abbild der Wirklichkeit zeichnen, jenseits von kommerziellen und weltanschaulichen Interessen deuten und zuordnen: So lautet der idealistische Auftrag des Österreichischen Rundfunks (ORF).

Austrian State broadcaster ORF director Alexander Wrabetz arrives for his hearing at a supervisory board meeting before the election of a new director in ORF's headquarters in Vienna

Der alte und voraussichtlich auch neue Generaldirektor des ORF: Alexander Wrabetz.

(Foto: REUTERS)

Diese dominante TV- und Radio-Anstalt hat nicht zuletzt aus Qualitätsgründen seine weit führende nationale Rolle wahren können. Grund dafür ist allerdings auch die Schwäche der Konkurrenten. Innerhalb Österreichs gibt es zum vorzüglichen Rundfunk nur qualitativ bescheidenste Mitbewerber, wobei freie, unkommerzielle Sender die Nase vorne haben.

Beim Fernsehen kommt die Hauptkonkurrenz aus dem Ausland in Gestalt des deutschsprachigen Sendergetümmels, das zwar in der Unterhaltung punktet, aber angesichts mangelnden Ortsbezugs im Informationskonzert kaum mitspielt.

An diesem Dienstag wird der Generaldirektor des ORF neu gewählt, ein Ereignis, das die Nation beschäftigt wie sonst allenfalls die Bildung der Regierung. Idealzustände, wie eingangs ausgemalt, finden in den Vorwahlrankünen rasch ihre Grenzen - zumal in Zeiten, in denen Parteien und Politiker fast hysterisch Erfolg und Scheitern nicht zuletzt dem eigenen Erscheinungsbild in Funk und Fernsehen zuschreiben.

Wie wenig selig die alpenländische Insel ist, fasste die Wiener Tageszeitung Kurier am Montag in der Kommentarüberschrift zusammen: "Der ORF gehört den Parteien. Sie sollen bitte so ehrlich sein und dazu stehen."

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